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Full text of "Kritik der Quellen zum Leben des ältern Gracchus"

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G75! gr 



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Of THf 



PßOOEAMM 



| 



des 



Real-Grymiiasiums zu Aachen 

für 

das Schuljahr von Ostern 1SS2 bis dahin 18S3, 

womit zu der 

öffentlichen Prüfung und Schlussfeier, 

am 19. und 20. März, 

im Namen des Lehrercollegiums ehrerbietigst einladet 

der Direktor 
Prof. Dr. Hilgers. 

— J-^oclgä«;— 



Inhalt 

1. Kritik der Quellen zum Leben des altern Gracchus, von dem Lehrer Theodor Greve 

2. Schulnachrichten, vom Direktor. 




Aachen. 1883. ^ 

Pruck vom Ar r i • , i , Co. 

3. $*o<m -ffU. 424 



4 37,0^ 



Kritik der Quellen zum Leben des altern Gracchus. 

(jlcicbzeitige Quellen zu dem Leben des altern Gracebus sind nicbt mehr vor- 
banden; aucb die Überlieferung des letzten Jahrhunderts der Republik und des ersten 
der Kaiserzeit ist nur in compendienartigen Darstellungen 1 ), Fragmenten 2 ) und vereinzelten, 
gelegentlichen Notizen 3 ) meistens nicbt geschichtlicher Schriften erhalten. Diese sind 
für die Beurteilung der Bestrebungen des Tib. Gracchus fast wertlos und haben als Reste 
einseitig optimatischer Geschichtschreibung nicht einmal den Reiz, durch eine verschiedene 
Auffassung und Darstellung der Ereignisse uns das leidenschaftliche Ringen der Parteien 
ahnen zu lassen. Die ältesten zusammenhängenden Darstellungen, bei Plutarch") und 
Appian 6 ), zwei Griechen, führen uns in das zweite Jahrhundert n. Chr. und gehen im all- 
gemeinen von einer wesentlich verschiedenen Auffassung aus. Die Nachrichten aus der 
folgenden Zeit beschränken sich wieder auf Auszüge ) und Fragmente 7 ). Wenn also 
Plutarch und Appian die Hauptquellen sind, und neben ihnen die übrigen nur accessoriscben 
Wert besitzen, so wird unsere Untersuchung naturgemäss besonders auf jene sich erstrecken 
müssen. Ihre Berichte werden also zu prüfen sein hinsichtlich ihrer Quellen und ihrer 
inneren Glaubwürdigkeit. 

I. Die Quellen Plutarchs und Appians« 

Da die Frage in betreff der Auswahl und Behandlung der Quellen von seiten des 
Plutarch und Appian durch einen Vergleich mit Originalberichten nicht entschieden werden 
kann, so ist unsere Untersuchung hingewiesen auf die eigenen Angaben derselben, 
auf die genannten Fragmente und Notizen der republikanischen Zeit und auf Schlüsse 
aus dem Charakter ihrer Darstellungen. — Was zunächst die eigenen Angaben betrifft, 
so nennt keiner seinen Hauptgewährsmann. Appian enthält sich überhaupt aller Quellen- 



J ) Liv. epit. 1. 58; Voll. Patcrculi bist. rom. II. 2. 

■) Sempr. Asellio bei Gell. N. A. IL 13; Val. Antias bei Gell. VII. 9. 12 (Peter: bist. rom. nll.i. 
; Auct. ad. Hercnniuni IV. 55; Cicero und Val. Maximus an /ahlreichen Stellen; Sallust. Ju^, r . 
31. 7; 12. 1; Diodor 34. 24. 

*) Leben des- Tib. Gracchus. 

') Bell. civ. I. 7—18. 

''; Jul. Flor. epit. III. 13; (Aur. Victor) de viris illust. 64; Jul. Obsequ. prod. 86; Orosius hist. V. 8, 

7 ) Dio Cassiua fragm. Peiresc. 8ö. 



IV 

angäbe, während allerdings Plutarch nicht nur durch allgemeine Hinweise*) auf seine 
Vorlagen zu erkennen giebt, dass er zahlreiche Berichte vor sich hatte, sondern auch bei 
einigen, namentlich controversen Punkten auf bestimmte Gewährsmänner sich beruft. 
Er nennt nämlich als Quellen den Polybius ! '), Fannius 9 ), C. Gracchus 10 ) und Nepos 11 ). 
Kann natürlich an Polybius als Quelle des Plutarch nicht weiter gedacht werden, da sein 
Werk diese Zeit nicht mehr urafasste, so hat es doch nicht an Versuchen gefehlt, den 
Fannius 1 ' oder C. Gracchus 1 ") als die Hauptquellen Plutarchs zu erweisen. — Den 
Fannius nennt Plutarch als Gewährsmann für die Nachricht, dass Tib. Gracchus bei der 
Belagerung Carthagos zuerst die feindlichen Mauern erstiegen habe. Die Art und Weise, 
wie Plutarch den Fannius hier citiert, legt die Vermutung nahe, dass dieser seine Ilaupt- 
quelle nicht sei. Denn weshalb sollte er ihn als Gewährsmann für eine einzelne Notiz 
nennen, wenn er auch das übrige ihm verdankte? Das Verhältnis ist eben dies, dass 
Plutarch aus einer anderen Quelle stillschweigend die vortrefflichen Eigenschaften des 
Tiberius schildert, in dieser aber wol jene Notiz nicht fand. Diese aber hielt er, der 
nichts mehr liebt als die Anekdote, für wichtig genug, um sie unter Berufung auf einen 
angesehenen Gewährsmann aufzunehmen. — Einen weitem Beweis für die Benutzung des 
Fannius hat man im Kap. 14 gefunden. Hier giebt Plutarch den Hauptgedanken einer 
Schmährede des Q. Metellus gegen Tib. Gracchus. Da den Inhalt einer solchen Rede 
Fannius in seine Anualen aufgenommen hatte 14 ), so ist es an sich möglich, dass dieser 
auch hier Plutarchs Quelle sei. Allein der Iuhalt jenes Fragmentes und der Zusammen- 
hang, in dem dasselbe bei Plutarch erscheint, verbieten diese Annahme. Denn der ganze 
Vorgang macht im höchsten Grade den Eindruck der Unwahrscheiniichkeit. Plutarch 
berichtet an jener Stelle von den Rogationen des Tiberius in betreff der pergamenischen 



s ) Cap, 4 Tivtc nvcufboovoir. oi ti'kÜovic, log rjLtslc yQa<po(,isv iotoqovoiv) ebenso cap. 21; cap. 8 
ol nktioTot, sviot, aXXoi Xsyovotr. 

'■') Cap. 4. 

10 ) Cap. 8. 

") Cap. 21. Da die aus Nepos geschöpfte Nachricht den Tib. Gracchus nicht betrifft, so beschränken 
wir uns auf die Bemerkung, dass der mutmassliche Standpunkt des mit Cicero befreundeten Nepos (Gell. 
X. A. 1.;.. 28. i . eine weitere Benutzung desselben nicht vermuten lässt. 

12 j Herrn. Peter: Die Quellen Plutarchs in den Biographien der Kömer. Halle 180(3. S. 97 uff. 
VF. Nitsch: Die Born. Annalistik von ihren ersten Anfängen bis auf Val. Antias. Berlin 1874. S. 229. 
I3 ) Böhme: Beiträge zur Geschichte der Gracchen. Progr. Putbus. 18G8. S. 5. 
M ) Cic. Brut. 21. 81. Q. Metellus, .... cuius et aliae sunt orationes, et contra Tib. Gracchum 
exposita est in C. Fannii annalibus. Es ist beachtenswert, dass also nur der Inhalt der Rede bei Fannius 
stand, un-1 nicht, wie Peter: Quellen u. s. w. S. 97, und Ranke: Weltgeschichte III. 2. S. 217 annehmen, 
die Red-' »löst. Denn schon diese Form der Aufnahme der Rede bei Fannius erweist die Entlehnung 
derselben von Seiten Plutarchs als viel weniger wahrscheinlich. 



Erbschaft und von der Bekämpfung derselben durch die Senatoren. Pompejus wirft ihm 
vor, wie er als Nachbar wisse, dass Eudemus aus Pergamum ihm als zukünftigen] Könige 
Roms das königliche Diadem gegeben habe. Dann tritt Me teil us gegen ihn auf mit der 
Beschimpfung, dass er in der Nacht von verworfenen Mensehen sieh mit Fackeln nach 
Hause begleiten lasse, während unter der Ceusur seines Vaters die Bürger aus Furcht 
die Lichter ausgeblasen hätten, wenn dieser von einem Gastmahle nach Hause zurück 
gekehrt sei. Zunächst enthält der Vorwurf des Pompejus einen offenbaren Anachronismus. 
Denn zu jener Leit war die Herrschaft der Aristokratie in Rom so fest begründet, dass 
selbst der Gedanke an die Gefahr einer Tyrannis nicht aufkommen konnte, weil in den 
damaligen Verhältnissen es an allen Voraussetzungen für eine solche fehlte. Mit jenem 
Vorwurfe also würde ein Gegner des Tiberius eher sich selbst zur Zielscheibe des Spottes, 
als diesen zum Gegenstande der Befürchtung und des Hasses gemacht haben. Wenn 
daher jenes Redefragment nur das Erzeugnis einer späteren Zeit sein kann, in der das 
Auftreten ehrgeiziger Heerführer die in demselben ausgesprochene Befürchtung als nicht 
unbegründet erwiesen hatte, und wenn dasselbe wohl unzweifelhaft aus einer Rhetoren- 
schule i: ) hervorgegangen ist, so dürfte dem dicht daneben in demselben Zusammenhange 
stehenden anderen Fragmente kein anderer Ursprung zuzuschreiben sein. Ferner aber 
konnte so der Vorschlag des Tiberius, die Schätze des Attalus unter das Volk zu verteilen 
und die Entscheidung über die Verwaltung der neuen Provinz den Tribus zu überlassen, 
vernünftigerweise nicht bekämpft werden 16 ). Man würde also dem Fannius als Zeit- 
genossen des Tiberius eine grosse Ungeschicklichkeit zumuten mit der Annahme, dass bei 
ihm die Rede des Metellus in diesem Zusammenhange gestanden habe. Zu dieser aber 
würde man gelangen, wenn man die Abhängigkeit Plutarchs von jenem an dieser Stelle 
annehmen wollte. Um so mehr müssen wir die an jenes Fragment geknüpfte, ohnehin 
nur sehr schwach gestützte Hypothese 17 ), dass Plutarch auch die anderen in seinen Text 



IS ) Dass in diesen das Leben des Tib. Gracchus vielfach den Stoff zu den Beispielen hat liefern 
müssen, geht hervor aus Quintil. VII. 4. 13. Interdum ergo culpa in hominem relegatur: ut si Gracchus 
reus foederis Namantini . . . missum se ab imperatore suo diceret. Ferner Martian. Cap. V. p. 149. 18 
Eyss. (Teuf fei: Gesch. der röra. Lit. II. Aufl. S. 215.) 

ie ) Selbst Nitsch: Die Gracchen and ihre nächsten Vorgänger, Berlin 1847, der jene Erzählung 
des Plutarch reeipiert hat, muss die Unzulänglichkeit der Gründe des Senates zugestehen : „Was man darüber 
in den Curien vorbrachte, zeigt, dass man gerade an dem Punkte sich zu jedem Widerstände unfähig fühlte." 
(S. 316). Aber das Verfügungsrecht des Senates über die Provinzen war doch bis dahin ein so unbestrittenes, 
dass die Anhänger desselben dem Tiberius wol mit besseren Waffen, als mit Trivialitäten hätten entgegen 
treten können. 

17 ) Otto Heinrich: de fontibus et autoritate Plutarchi in vitis Gracchorum, Dissert. Halle 1865, 
argumentiert S. 8: Porro Fannio auetori tribuenda arbitror, quae ex Metelli in Tib. Gracchum oratione 
deprompta leguntur Tib. 14. 3, quoniam Cicero hanc orationem illius annalibus insertam viderat, quo magis 



VI 

eingeflochtenen Heden dem Fannius entlehnt habe, als hinfällig bezeichnen. Können wir 
so die Annahme einer weitergehenden Benutzung des Fannius durch Plutarch überhaupt 
nicht als genügend erweisbar erachten, so müssen wir die Möglichkeit, dass derselbe seine 
Hauptquelle sei, auf Grund seiner politischen Stellung und mutmasslichen Auffassung 
der Bestrebungen des Tiberius verneinen. Denn Fannius war, wenngleich früher Freund '*) 
der Gracchen und als Schwiegersohn 19 ) des Lälius in verwandtschaftlichen Beziehungen zu 
der Mittelpartei des Senates, als Consul 122 ein entschiedener Gegner des C. Gracchus, 
den er in einer Rede bekämpfte' ). Wenn man nun berücksichtigt, wie sehr bei den 
Römern die geschichtliche Auffassung abhängig war von der politischen Stellung, so wird 
man nicht zweifelhaft sein, in welchem Sinne Fannius die Geschichte der Gracchen vcr- 
fasst hatte. Dasselbe Urteil wird begründet durch das Lob, das Cicero' 1 ) seinen Annalen 
zollte, sowie durch die Thatsache, dass Brutus, der Freund des Cicero, sie für so wertvoll 
erachtete, dass er einen Auszug aus denselben machte, und dass Cicero aus diesem 
seine geschichtlichen Kenntnisse erweiterte'"). Denn wie sollte ein Geschichtsbuch mit so 
antiquiertem, ja revolutionärem Standpunkte, wie ihn eine nur massig wohlwollende Be- 
urteilung des Tib. Gracchus würde verraten haben, gegenüber der argen, bewusster Weise 
in optimatischem Sinne geübten Gesehich tsfälschung 23 ) des letzten Jahrhunderts der Repu- 
blik in den eben durch diese Geschichtsauffassung durchdrungenen Kreisen Roms Leser 



conjeetamus alias orationes, quas habet Plutarchus, ex Fannii annalibus sumptas esse. Willkürlicher kann 
man kaum verfahren. Denn auch seine erste Behauptung zugegeben, zugegeben ferner, dass der von Cicero 
erwähnte nicht der einzige Fall einer Einileehtung von Reden bei Fannius sei, so wäre diese Quelle doch 
nur eine von den vielen, die dem Plutarch wahrscheinlich zugänglich waren, ganz abgesehen vorläufig davon, 
dass auch die Echtheit seiner Beden gegenüber der ganz allgemeinen, den verschiedensten Zwecken dienen- 
den Gewohnheit der alten Geschichtschreiber, fingierte Reden in ihre Werke einzuflechten, mannigfachen 
Zweifeln ausgesetzt ist. Vergl. darüber: Hochegger: De orationum in veterum historiis origine et vi 
brevis commentatio. Progr. Pressburg 1853, und: Rüdiger: De orationibus, quae in veterum scriptoribus 
Graecis et Latinis reperiuntur. Progr. Schleiz 1870. 

ls i Übrigens nennt Plutarch (cap. 9) anter den „rechtlichen und angesehenen" Männern, welche 
Tiberius bei seinem Gesetze zu Rate gezogen habe, den Fannius nicht, 

lü ) Cic. Brut. 20. 101. 

-°) Brut. 25. 99. 

-•) Brut. 26. 101. 

n ) Cic. ad Att. XII. 5. .1. 

Es ist eine zu äusserliche Auffassung, wenn Peter: Quellen u. s. w. S. 07 diese Bevorzugung 
des Fannius durch Brutus der mutmasslichen Ausführlichkeit seiner Annaion zuschreibt. 

2S ) Nitsch: Rom. Annal. S. 346: Man darf sagen, eine Grescbichtschreibung, ><> getränkl und ge- 
sättigt von dem Geist bewusster oder unbewusster Fälschung, wie die Roniisehe während dieser Periode 
(von Fab. Piclor bis auf Val. Antias) gewesen sein muss, gehört zu den seltensten und unheimlichsten 
Erscheinungen. 



vir 

und Freunde haben finden können '■')? Demgegenüber kann es nicht von Belang sein, 
dass die Notiz Plutarcha aus Fannius gegen Tiberius keine feindselige Gesinnung zeigt, 
Auch die gehässigsten Darstellungen haben die persönlichen Vorzüge desselben nicht 
angetastet. Aber wie, wenn Fannius gerade wegen seiner notorisch feindseligen Beurteilung 
desselben dem Plutarch als ein besonders schätzenswerter Gewährsmann für ein so 
ausserordentliches Lob eines so vielgeschmähten Mannes erschienen wäre? Um endlich 
noch einen einzelnen Punkt zu erwähnen, so wird die unverkennbar =ironische Behandlung, 
welche Lälius bei Plutarch (cap. 8) durch die Bemerkung erfährt, dass er sich den 
Beinamen des Weisen erworben habe, weil er aus Furcht vor den Reichen von seinen 
Reformplänen zurückgetreten sei, sicher nicht auf dessen Schwiegersohn zurückzuführen 
sein, zumal wenn man ihn, wie die Gegner müssen, den vermittelnden Standpunkt des 
Lälius einnehmen lässt. 

Den C. Gracchus citiert Plutarch im Kap. 8. Nachdem er hier die verschiedenen 
teilweise sich widersprechenden Berichte seiner Quellen über die Beweggründe des Tib. 
Gracchus zu seinen Reformen aufgezählt, stellt er schliesslich diesen für denselben nicht 
sehr ehrenvollen Angaben die seines Bruders entgegen 25 ), welcher in einer gewissen 
Schrift berichte, dass die in Etrurien von ihm bemerkten socialen Missstände den Entschluss 
zur Beseitigung derselben in ihm wachgerufen hätten. Auch Cicero 26 ) gedenkt einer 
Schrift des C. Gracchus, aber ebenfalls in so unbestimmten Ausdrücken 27 ), dass man 
über das Verhältnis derselben zu dem ßißllov Plutarchs, ebenso ferner über den Charakter 
dieser Schriften, selbst wenn man ihre Identität annimmt 28 ), nur Vermutungen aufstellen 



24 ) Peter: Quellen S. 97, übersieht diese Verhältnisse, wenn er aus der anfänglichen Freundschaft 
des Fannius mit den Gracchen schliesst, dass „sich nicht anders erwarten Hesse, als dass er sich in seinem 
Geschichtswerke ganz entschieden auf Seite der Gracchen gestellt habe". 

25 ) Plutarch referiert nicht, wie Peter: Quellen S. 95 sagt, „aus dem Schriftchen die Gründe, 
warum Tiberius seine Gesetze gegeben". 

2B ) De div. 1. 18. 36, und II. 29. 62. 

27 ) De div T. 18. 36: ut C. Gracchus scriptum reliquit, und II. 29. 62: C. Gracchus ad Pom- 
poniuin scripsit. 

'-■", Das tlmt Peter: Quellen S. 95 und rell. CLXXXV, ohne Begründung; auch Heinrich a. a. 
0. S. 14 neigt dieser Annahme zu, ebenso Eanke a. a. 0.; Kob. Schmidt: „Kritik der Quellen zur 
< reschichte der Gracchischen Unruhen" S. 2 lässt die Frage unentschieden ; Klapp ; „de vitarum Plut. auetoribus 
Rom. Bonnae 1862" S. 31 bestreitet die Möglichkeit dieser Annahme. Allein seine sprachlichen Bedenken 
haben schon Peter rell. a. a. 0. und Schmidt a. a. 0. zurückgewiesen, indem sie zeigen, dass der Ausdruck 
CiceroV. „scripsit ad Pomponium" wohl ein dem Pomp, gewidmetes Buch bezeichnen könne. Übrigens steht 
dieser Ausdruck dort auch mit direkter Beziehung auf das früher erwähnte scriptum und lässt also die 
Deutung auf irgend ein Schriftstück zu. Der Aufstellung Klapp's, dass das ßißlloi' eine Rede, das 
scriptum ein Brief gewesen sei, steht der weitere Umstand entgegen, dass C. Gracchus seinem vertrauten 
Freunde Poniponius jene Erzählung nicht wird schriftlich mitgeteilt haben. 



VIII 

kann. Ks ist dies übrigens ohne Bedeutung; denn der Umstand, dass Plutarch die den 
Vater dos Tribunen betreffende Anekdote"'), welche Cicero aus der Schrift des C. Gracchus 
mitteilt, in wesentlich anderer Form erzählt, und zwar mit sinnverändernden Zusätzen 80 ), 
beweist, dass er dieselbe nicht aus Cajus entlehnt hat, und steht überhaupt der Annahme 
einer umfangreichen Benutzung desselben seinerseits entgegen. Während nämlich Cicero 
ausdrücklich bemerkt: nihil enim scribit (nämlich Cajus) respondisse haruspices, si neuter 
anguis emissus esset, quid esset futurum, fügt Plutarch nicht minder bestimmt der Antwort 
der Haruspices bei: ä/u<pw (nämlich oysig) //.'•»■ ovx sav avekslv ovös aqtelvai. Die Annahme 
dass so wesentlich verschiedene, einander widersprechende Erzählungen aus einer 
Quelle geflossen seien, hätte eine ganz grobe, bewusste Missachtung derselben von seiten 
der beiden Schriftsteller zur Voraussetzung. Zu deren Erklärung würde doch auch die 
Rücksicht auf den verschiedenen Zweck der Erzähler nicht genügen, der Umstand, dass 
die Erzählung dem einen ein Beweis gegen die omina, verbunden mit einem Hieb auf 
die schlauen Ausleger derselben ist, während der andere in derselben mit einem Zuge 
die Liebe des Gracchus zu seiner Gemahlin zeichnen will. So scheint Plutarch weder 
diese Erzählung des Cajus' 1 ), noch überhaupt sein ßißXiov gekannt zu haben'"). Darauf 
deuten auch zweifellos die Bezeichnung desselben durch: h xivi ßißMw und das unbestimmte 
TJysvm hin, mit dem er jene Erzählung einleitet, mit dem er aber sicher sich nicht würde 
begnügt haben, wenn er bewusster Weise die Erzählung des eigenen Sohnes des Gracchus 
wiedergegeben hätte. 

Fassen wir das Ergebnis der vorstehenden Untersuchung zusammen, so hat Plutarch 
von den beiden Quellen, die unter den von ihm genannten allein in Betracht kommen 
konnten 1 ), die eine nur ganz nebenbei benutzt, die auderc wahrscheinlich gar nicht einmal 

89 ) Tib. Gr. cap. 1. Kr habe, als die Haruspices das Erscheinen zweier Schlangen in seiner 
AVohnum: so gedeutet hätten, dass ihm nur die Wahl zwischen dem eigenen freiwilligen Tode und dem 
Verluste seiner Gattin bleibe, ersteren gewählt. 

Pe1 e r . Heinri c !i . Sc 1) m i d t a. a. (). halten mit Unrecht die Abweichung für nebensächlich. 
Böhme betonl dieselbe mehr, aber auch nicht genügend. 

' Peter : rell. CLXXXVIJnimmt zunächst ohne Grund die Entlehnung derselben aus C. Gracchus 
an und macht dann auf Grund dieser blossen Vermutung Plutarch den Vorwurf der Oberflächlichkeit. Sein 
dorl ausgesprochener Wunsch: ntinam Platarchi levitas et neglegentia se tarn levibus rebus continuisset! 
... h i er ni<-lit zutreffend. 

; 'i Nitsch: Die Gracchen S. 455 gelangt zu derselben Annahme ; alter aus einem andern Grunde, 
der hier noch nicht besprochen werden kann. 

Die <'. Gracchus cap. 1.') genannten Briefe der Cornelia waren, wie das Citat selbst zeigt, 
dem Plutarch nicht bekannt. Ebenso liegt die Frage in betreff der bekannten Fragmente aus Briefen der 
Cernelia l"i Nepos ausserhalb unserer Aufgabe; denn auf diese kann der Hinweis Plutarch's sich nicht 
beziehen, weil ihr Inhalt der von diesem unter Berufung auf die genannten Briefe gemachten Mitteilung 
geradezu widerspricht. 



IX 

selbst gekannt. Ein Urteil über die Art, wie Plutarch seine Quellen benutzte, liess sich also 
hier auch nicht bilden; nur erwies sich ein in dieser Beziehung ihm von einzelnen gemachter 
Vorwarf als unbegründet. Appian bot gar keine Handhabe zur Untersuchung. Ganz unge- 
rechtfertigt ist aber der Versuch 14 ), aus seinem Schweigen und dem Umstände, dass bei ihm 
die aus dem ßißliov und dem Fannius teils von Plutarch teils von anderen entlehnten Notizen 
sich nicht finden, zu folgern, dass er diese Quellen nicht gekannt habe. Es mochten ja jene, 
meistens sehr wenig sachlichen Bemerkungen Appian weniger erwähnenswert scheinen; 
und wie vieles können nicht beide stillschweigend aus derselben Quelle entlehnt bähen ! 
Bei dem zweiten Punkte unserer Quellenuntersuchung sind wir hingewiesen auf 
zwei Fragmente, welche bei Gellius aus Val. Antias 8 *) und Sempr. Asellio 3C ) erhalten sind. 
Das Fragment des ersteren ist nach Umfang und Inhalt y7 ) für unseren Zweck ungeeignet; 
dagegen bieten die Stellen aus Asellio wohl Anlass zum Vergleiche. Gellius (a. a. 0.) 
sagt: Eius (des Asellio) verba de Tib. Graccho tribuno plebis, quo in tempore interfectus 
in Capitolio est, haec sunt: Nam Gracchus domo cum proficiscebatur, nunquam minus terna 
aut quaterna millia hominum sequebantur. Atque inde infra de eodem Graccho sie scripsit : 
Orare coepit id quidem, ut se defenderent liberosque suos, eum quem virile secus tum in 
eo tempore habebat, produci iussit populoque commendavit prope flens. Beide Punkte be- 
rührt Plutarch !S J, den letzteren auch Appian **)* Aus der Vergleichung dieser verschiedenen 
Stellen ergiebt sich zunächst für Plutarch der Beweis einer willkürlichen Behandlung seiner 
Quelle. Der Inhalt jener Fragmente bezieht sich, wie der Zusatz des Gellius zeigt, auf 
die letzte Lebenszeit des Tiberius; der Umstand ferner, dass in der Geschichte des 
Asellio das zweite Fragment an einer spätem Stelle stand als das erste, zeigt, dass nach 
seiner Darstellung Tiberius in jener feierlichen Weise erst dann das Volk für seinen Sohn 
anflehte, als seine Anhänger bereits die Gewohnheit angenommon hatten, ihn zu seinem 
Schutze zu begleiten. Während nun Appian dieselbe Darstelluug in betreff der Anwendung 
dieses letzten Hülfsmittels, also unzweifelhaft die Überlieferung der Zeitgenossen bat, lässt 
Plutarch den Tiberius schon gleich nach der Annahme seines Acker gesetzes, lange 
bevor die Aufregung der Optimaten in Folge seiner zweiten Bewerbung um das Volks- 
tribunat den höchsten Grad erreicht hat, in jener äusserst bedrängten Lage erscheinen. 
Würde eine solche an sich ja nicht zu bedeutende Verlegung der Thatsachen uns im all- 
gemeinen immerhin zur Vorsicht gegenüber dem betreffenden Geschichtschreiber ermahnen, 



34 ) BeiWijinne: de hde et auetoritate Appiani in bell. civ. enarrandis. Groningen 1855. S. 18. 

35 ) Gell. N. A. VII. 9. 12. 
3C ) Gell. II. 13. 

87 ) Tib. Gracchus, qui quaestor C. Mancino in Hispania faerat, et ceteri, qui pacem speponderant 
3ö j cap. 20 und 13. 
^ a ) b. c. I. 14. 



X 

so hat dieselbe bei Plutarch eine bedenklichere Seite. In vollem Widerspruch mit der 
naturgemäßen Entwicklung der Ereignisse wie mit den übrigen Nachrichten über den 
Charakter des Tiberius, erscheint seine Darstellung als im Dienste der Tendenz, seinen 
Helden als vollkommen unfähig zu irgend einem gewaltsamen Schritte und als blosses 
Opfer optimatischen Egoismus darzustellen. Wir haben hier das erste unerfreuliche Hei- 
spiel, wie Plutarch kein Hedenken trägt, zur Abrundung des Charakters seines Helden 
bewusster Weise zu übertreiben und den Stoff tendentiös zu gruppieren 40 ). Dasselbe zeigt 
nun aber ferner der Vergleich des anderen Fragmentes mit seiner Darstellung. Dass der 
Inhalt desselben, die Heschützung des Tiberius durch eine Leibwache, Plutarch nicht un- 
bekannt war, geht daraus hervor, dass er dieses Umstandes überhaupt gedenkt. Aber 
wie erscheint bei ihm die Angabe des Asellio, dass den Tiberius nie weniger als 
3 — 4000 Menschen begleitet hätten? In der ganz entgegengesetzten Auffassung, dass 
nicht einmal zur Zeit seiner Ermordung mehr als 3—4000 Mann um ihn gewesen 
seien 41 ). Derselben Richtung müssen wir es wol zurchreiben, dass bei ihm Tiberius seine 
Kinder 42 ) vor das Volk führt, während Assellio und Appian in dieser Beziehung nur von 
einem Sohne sprechen. Dieses willkürliche Verfahren Plularchs tritt um so mehr her- 
vor, als seine sonstige Übereinstimmung an dieser Stelle mit Appian in bezug auf Inhalt, 
Gedankengang und teilweise Wortlaut l8 J die Benutzung einer gemeinsamen Quelle er- 
kennen lässt. Dass aber Asellio diese gewesen sei, ist unwahrscheinlich, weil er einerseits 
wesentliche Punkte, besonders das Anlegen der Trauerkleider, nicht enthält, andererseits 
aber Plutarch das so schön seine ganze Auffassung illustrierende „prope flens u sich nicht 
würde haben entgehen lassen. Wie wir also Böhme 44 ) nicht beistimmen können, wenn 



40 ) Dieser Vorwurf wird nicht als zu stark erscheinen, wenn wir hinzufügen, dass Plutarch bei 
einer späteren Gelegenheit, diesmal in Übereinstimmung mit Appian, den Tiberius wiederum hülfeflehend 
und weinend vor das Volk treten lässt. Diese Wiederholung charakterisiert das Verfahren noch mehr als 
ein bewusstes. 

41 ) cap. 20, ov yao nXsioveg r\ TQigyiXioi nsQi avriv rjoav. Böhmes (a. a. 0. S. 10) Urteil, 
dass diese Worte zu jener Zahlenangabe des Asellio ,, recht gut passen", ist nicht richtig; sie enthalten 
hinsichtlich der Auffassung 'inen latenten Widerspruch zu derselben. 

42 j Dio Cass. fragm. Peiresc. 88 macht dieselbe Angabe. Allein auch sonstige auffallende Über- 
einstimmungen desselben mit Plutarch lassen bei ihm überhaupt eine weitergeheude Abhängigkeit von 
diesem vermuten. 

43 ) Plut. 13. rroig tuvtu Tüig noXXovg Appian cap. 14. navra d'anoyvovg, 
tri jliuXXov 6 TißbQtog mxQO%vvuJv, (isrißaXs rrjv e/LieXavei/Liovsi rs izi wv svuo/oc, xdi ro 
iadrjra, xul zovg naldug nnouyaycn', iöf-ATO Xomov Ttjg r^ttQac tv ayoqa tov viov indycuv 
tov drjLiov, tovtwv xrjdsodou xai Tr^g urjroog, üjq txaoroig oviiarr] xai nuosTi&STO. tog avrog vitf. 
uvtoq dnsyvojxiog luvröv. T(Sv tyowr avrixa anokov/usrog. 

44 ) a. a. O. S. 10. 



XI 

er Asellios Fragment in der Darstellung Plntarchs wiederfinden will, so noeh weniger, 
wenn er auf Grand dieser Annahme gegen diesen den Vorwurf erhebt, dass er in falscher 
Auffassung dos Asellio zu dem sachlichen Irrtum gekommen sei, Tiberius habe bei seinem 
Tode mehrere Kinder gehabt. Gellius '") führt allerdings jene Worte Asellios als Be- 
weis dafür an. dass man auch ein Kind mit liberi bezeichne. Aber was hindert denn, 
dieselben zu übersetzen: Er fing an, um Schutz für sich und seine Kinder zu bitten; 
seinen Sohn 40 ) Hess er vorführen u. s. w. Und auch in allen übrigen Berichten findet 
sich nichts, was der Angabe Plutarchs, dass Tiberius bei seinem Tode mehrere Kinder 
gehabt habe, widerspräche. Die Frage berührt ausser Appian, der eben nur von einem 
Sohne spricht, nur noch Val. Maximus 47 ). Dieser erzählt, wie ein gewisser Equitius 
sich für einen Sohn des Tib. Gracchus ausgegeben habe und deshalb von dem Censor 
Metellus angegriffen worden sei. Wenn er nun diesen sagen lässt: tres tantummodo filios 
Tib. Graccho fuisse, e quibus unum in Sardinia stipendia merentem, alterum infantem 
Praeneste, tertium post patris mortem natum Romae decessisse, so ist doch selbstverständ- 
lich, dass derselbe dabei nur an Söhne des Tiberius dachte, da es ihm nur auf den Be- 
weis ankommen konnte, dass ein Sohn desselben nicht mehr lebe. So kann also an 
dieser Stelle dem Plutarch nur die schon von uns gerügte und als bewusst bezeichnete 
Abweichung von seiner Quelle vorgeworfen werden 48 ). 

Anhaltspunkte zu einem berechtigten Schluss auf die Benutzung bestimmter 
Quellen von Seiten Plutarchs und Appians boten uns also auch die Fragmente nicht. 
Ohnehin würde indes der geringe Umfang derselben uns eine Einsicht in die Art der 



45 ) II. 13: Antiqui oratores . .". etiam unum filium filiamve liberos multitudinis numero appel- 
larunt. Idque nos . . . nunc quoque in libro Sempronii Asellionis rerum gestarum quinto ita positum esse 
offendimus. 

46 ) Die Lesart: eum, quem virile secus secum in eo t. h., welche hier einen anderen Sinn ergeben 
würde, ist nicht berücksichtigt, weil sie für unsere Frage ohne Bedeutung ist. 

47 ) Fact. et dict. memorab. IX. 7. 

48 ) Dagegen entbehren die bestimmten Angaben, welche Böhme und Nitsch über die Anzahl 
der Kinder des Tiberius machen, aller Begründung. Nach Nitsch (Gracchen u. s. w. S. 341) nämlich 
hatte Tib. eine Tochter und zwei Knaben hinterlassen, ein dritter war noch nicht geboren. Aber die 
Quellen berichten überhaupt nichts von Töchtern d-es Tib.; hinsichtlich der Söhne desselben aber muss 
er selbst seinen Widerspruch mit Asellios Worten eingestehen, — Die auf die angeführten Stellen bei 
Appian und Val. Maximus gestützte Annahme Böhmes (a. a. 0.), dass Tib. nur drei Kinder gehabt 
habe, beruht, wie wir gezeigt haben, auf der ungenauen Auffassung jener Stelle des Val. Maximus. — Aus 
unseren Quellen lassen sich nur folgendo Angaben in diesem Punkte machen: Tib. hatte drei Söhne und 
vielleicht eine oder mehrere Töchter; von den Söhnen lebte bei seinem Tode nur noch einer; der zweite 
war schon gestorben und der dritte noch nicht geboron. Als C. Gracchus im zweiten Jahre das Volks- 
tribunat bekleidete, lebten von dem ganzen Geschlechte nur noch er und sein Sohn. (Meyer: or. Koni, 
fragm. p. 121. Vergl. Nitsch a. a. 0.) 



xir 

Quellenbcnut/.ung nur in einzelnen Punkten gestattet haben. Hierzu aber gelangten wir 
auch ohne die Möglichkeit jenes Nachweises. Die Vergleichung der Fragmente mit den 
inhaltlich ähnlichen Stellen bei Plutarch und Appian sowie dieser mit einander ergab zu- 
nächst für letzteren das günstige Resultat, dass in mehreren Punkten, in denen er von 
Plutarch abwich, seine Angaben durch eine gleichzeitige Quelle bestätigt wurden. Indem 
wir ferner an dieser Stelle die Benutzung einer gemeinsamen Quelle annehmen konnten, 
mussten wir andererseits constatieren, dass Plutarch dieselbe nicht blos in einer flüchtigen, 
sondern in einer besonders charakteristischen, willkürlichen Weise benutzt hatte: es zeigte 
sich bei ihm seiner Quelle gegenüber ganz unzweifelhaft eine Neigung zur Übertreibung 
und rhetorischen Ausschmückung im Dienste seiner bekannten moralischen Tendenz. 

Wir halten es für unfruchtbar, hier in eine Erörterung über andere, noch weniger 
sichtbare und zuverlässige, oder auch nur vermeintliche Spuren einer älteren Quelle bei 
unsern Schriftstellern einzutreten, und wenden uns zu dem dritten der anfangs bezeich- 
neten Mittel der Quellenuntersuchung: der Prüfung der Berichte selbst. Es wird sich 
hierbei naturgemäss nicht so sehr um den Nachweis einer bestimmten Quelle, als um 
die in unserem Falle übrigens auch wichtigeren Fragen bandeln, ob Plutarch und Appian 
überhaupt Originalberichte oder nur sekundäre Quellen vor sich hatten, ob sie vorzüglich 
eine, vielleicht eine gemeinsame Quelle, oder mehrere uud verschiedene benutzt 
haben, wie ferner sie im allgemeinen zu ihren Quellen sich verhalten und ob eventuell 
der eine von dem anderen abhängig ist. Alle diese Fragen können übrigens nur im An- 
schluss an den zweiten Teil dieser Untersuchung ihre Beantwortung finden. 

IL Die innere Glaubwürdigkeit und Vollständigkeit 
der Berichte Appians und Plutarchs. 

Wir werden zunächst den Gesamteindruck der beiden Berichte charakterisieren, 
darauf dieselben im einzelnen prüfen, indem wir zu bestimmen suchen, wie ihre Angaben 
sich zu einander und zu den übrigen Nachrichten, sowie zu dem natürlichen Gange ge- 
schichtlicher Entwickelung und unserer sonstigen Kenntnis römischer Zustände verhalten. 

a. Der allgemeine Charakter der Berichte. 

Der Gesamteindruck beider Darstellungen ist ein vollständig verschiedener. 
Bei Plutarch ist der Angelpunkt, um den alles sich dreht, der ganzen Form seiner Dar- 
stellung gemäss natürlich Tiberius Gracchus. Allein dabei tritt alles Andere doch zu sehr 
in Schatten: wir erblicken Gracchus und sein Wirken, soweit es auf Plutarch ankommt, 
in einer uns vollständig unverständlichen Welt. Über seine eigentlichen Beweggründe, 
seinen Endzweck und die Verhältnisse, denen er gegenüber stand, verbreiten die durch- 



xm 

aus schwankenden Ausdrücke für uns nur ein dämmerndes Licht, das zur klaren Erkenntnis 
vorzudringen nicht gestattet. Noch weniger erkennt Gracchus selbst, was er beginnt. 
Durch reiche Gaben des Geistes und Körpers und durch eine aussergewöhnlicb sorgfältige 
Erziehung zu grossen Dingen gleichsam prädestiniert und in seinem Ehrgeiz zu kühnen 
Unternehmungen geneigt, wird er in seinem Edelmute und seiner Weiehherzigkeit durch 
den zufälligen Anblick des socialen Elendes zu dem Wunsche entflammt, der Retter des 
armen Volkes zu werden. Von da ab aber charakterisiert sein ganzes Handeln sich als 
blosses Reagieren auf Eindrücke, die von aussen auf ihn wirken. Sein edler Wunsch 
erstarkt unter dem Drängen des Pöbels, das die Bedenken erfahrener Männer als eitel 
erscheinen lässt. zum Entschluss, und dieser reift, sobald die Verhältnisse es gestatten, 
zur Tbat. Aber noch lagert für ihn über seinem Reformwerk dichtes Dunkel. Und so 
tritt er, ohne sich Zweck und Wesen seiner Reformen klar gemacht zu haben, und diesen 
gemäss die Richtschnur seines Handelns, als Führer vor ein ohnehin leidenschaftlich auf- 
geregtes Volk, von dessen Beschlüssen bereits das Geschick der gebildeten olwvpdvf] abhing; 
so häuft er neuen Gährungsstoff zum Ausbruch einer Bewegung, deren Wellenschlag eine 
unheilvolle Ausdehnung annehmen musste. So wird er unbewusst und ohne es zu wollen 
von der Macht der nicht gekannten und nicht geahnten Verhältnisse ins Schlepptau ge- 
nommen, und diese bedingen fortan sein Handeln. Der unberechtigte Widerstand einer 
egoistischen Faktion reizt sein Ehrgefühl und reisst ihn fort zu Massnahmen, die seinem 
ganzen Wesen eigentlich fremd sind (cap. 12 u. 16). Unter dem entmutigenden Einfluss 
der Furcht aber vor den Nachstellungen der Gegner, welche zudem bloss in seiner auf- 
geregten Phantasie bestehen mochten (cap. 16), in dem drückenden Bewusstsein der frevel- 
haften Verletzung alter, geheiligter Rechte, deren zukünftige Ahndung durch allerlei 
schlimme Vorzeichen selbst die Götter ankündigen (cap. 17), droht er ebenso seine Pläne 
fallen zu lassen (cap. 17), wie er früher unter den ermutigenden Aufreizungen seiner 
Freunde und des Volkes dieselben aufgenommen hatte (cap. 8). Nur der Zuspruch seines 
Freundes richtet ihn wieder auf, und so erscheint ihm gegenüber Blossius, wenn auch 
nicht in demselben Masse, wie Fulvius dem Cajus gegenüber, als der unheilvolle Ver- 
führer (cap 17), unter dessen Einflüsterungen der blinde Freund die ernst und eindringlich 
mahnenden Warnungszeichen an seinem gefahrvollen Wege übersieht, bis der Abgrund 
sich vor ihm aufthut, der ihn aufnimmt. Das Ganze aber gestaltet sich zu dem teilweise 
wirkungsvollen Bilde, das uns den Edelmut und edeln Ehrgeiz in schwächlichem Kampfe 
mit einer Übermacht von Lastern zeigt, die in Habsucht und Egoismus gipfeln; die 
Katastrophe, bei der das Gute nicht ohne eigene Schuld erliegt, bildet die Ermordung des 
Tiberius durch den selbstsüchtigen Scipio Nasica. — Hat also Plutarch es nicht verstanden, 
in dem Rahmen seiner Biographie zugleich Raum zu finden für ein Bild der Zeit, in der 
Tiberius lebte, und der Verhältnisse, durch die sein Wirken bedingt war, so fällt dieser 



XIV 

sachlichen Unzulänglichkeit gegenüber eine grosse Ausführlichkeit in andern Dingen 
auf. Die Anekdote und literarische Notizen zunächst walten vor. Dass er uns eine 
Vorstellung von den Familienverhältnissen des Tiberius verschaffen will (cap. 1), gereicht 
ihm nicht zum Vorwurf, wohl aber, dass er ein paar Anekdoten dazu für ausreichend hält, 
während er durch den Hinweis auf die notorisch volksfreundliche Richtung des sempronischen 
Geschlechtes und die teilweise in schroffem Gegensatze zu dem Senate sich bewegende 
Vergangenheit der Cornelier uns die Richtung des Tiberius leicht als in den Familien- 
traditionen wurzelnd hätte darstellen können 49 ). Er führt uns den Tiberius und seine 
Gegner redend vor, beschreibt genau sein Rednertalent, ja selbst die Schilderung seines 
Charakters bringt ihn schliesslich wieder auf sein Verbalten auf der Rednerbühne (cap. 2 u. 3). 
Die persönlichen Verhältnisse seiner griechischen Freunde scheinen ihm so beachtens- 
wert, dass er uns sogar mit deren literarischen Beziehungen bekannt macht (c. 8), obgleich 
ihn das ganz von seinem eigentlichen Wege abzieht, ihr späteres Schicksal interessiert ihn 
besonders (cap. 20). Dagegen ist ihr Einfluss auf Tiberius nur ein durchaus persön- 
licher; bis zur Auffassung des sachlichen Momentes, dass sie die von allgemeineren 
Anschauungen ausgehenden politischen Ideen der Griechen in ihm gefördert haben 
werden, dringt er nicht vor 50 ). — Ferner finden wir neben dem Ausdruck seiner sub- 
jektiven Anschauung, besonders in zweifelhaften Punkten, häufiger philosophische und 
moralische Reflexionen. Besonders weist er öfters auf den Wert der Verbindung einer 
edeln Natur mit einer sorgfältigen Erziehung hin B1 ), und wenn er diesen z. B. an dem 
massvollen Verhalten des Tiberius und Octavius in ihrem 'politischen Kampfe zeigt 
(cap. 10), so möchte es uns fast scheinen, als ob wir mehr den Philosophen hörten, der 
ein Beispiel zum Beweise seines Satzes anführt, als den Geschichtschreiber. — In bezug 
auf die Auffassung der Ereignisse endlich berührt seine Darstellung unangenehm durch 
die einseitige Betonung persönlicher, fast egoistischer Motive und durch ein vages 
Schwanken, durch das sie den Mangel an einheitlicher Durchführung und innerem Zu- 



49 ) Ranke: Weltgeschichte II. 2. S. 13 u. 15. — Niebuhr: Vorträge über römische Geschichte, 
herausg. von Isler Berlin 1847. II. S. 278: „Es gibt erbliche Familienansichten in Rom wie auch Familien- 
charaktere, die mehr sind als blosse politische Maximen. In der Familie der Gracchcn war, wie schon 
erwähnt. Milde und unaffektirte Liebe der Hülfsbedürftigen ; dieses zeigt sich in den drei Generationen, 
welche historisch ausgezeichnet sind, bei Tib. Gracchus im hannibalischen Kriege, Tib. Gracchus dem Censor 
und den beiden unglücklichen Brüdern Tiberius und Cajus ein Charakter, der sonst in Rom nicht häufig ist 
und nun ganz verschwunden war." 

50 ) Vorgl. Ranke: a. a. 0. S. 17. 

''') Tib. cap. 1 und 10; Cajus cap. 19 erklärt er hieraus das massvolle Verhalten der Cornelia 
nach dem Tode ihrer beiden Söhne, das manche nur auf den Verlust des Verstandes oder Mangel an 
Empfindung zurückzuführen vermocht hätten; Vergleich des Agis und Kleomenes mit den Gracchen 
cap. 1 ; Agis cap. 2. 



XV 

Bammenhange verrät. Das Kleben an den Personen tritt so recht hervor in der Dar- 
stellung des Verhältnisses des Tiberius zu dem Volke (cap. 8, 14, 16) und zu Octavius 
(cap. 10), ferner des Scipio Nasica (cap. 13). Während wir ferner in beziig auf die 
Stellung des jungem Scipio zu den Bestrebungen seines Schwagers einmal lesen, dass 
bei seiner Anwesenheit in Koni diesen jenes traurige Los nicht würde getroffen haben 
(cap 7), finden wir an einer anderen Stelle (cap. 21) doch auch wieder den bekannten 
Ausspruch: tag dnoXoixo xal äXXog u. s. w. Octavius, der intercedierende College, ist ein 
reavtag iftßQt&rjg vo rjSvg xm -/möuioz (cap. 10), trotzdem er in seinen wechselnden Ent- 
Schliessungen doch nur ein Spielball ist der Rücksichtnahme dann auf seinen Freund dann 
wieder auf die Reichen, trotzdem die Gründe der Gegner des Tiberius doch nichts Anderes, 
als Habsucht und Hass sind (cap. 9). Und nun erst die Auffassung des Tiberius selbst! 
Niemand wird allerdings den panegyrischen Charakter seiner Darstellung in bezug auf 
diesen leugnen wollen. Aber gerade darin liegt die Inconsequenz, dass die einzelnen 
Züge zu dem Gesamtbilde, das er entwerfen möchte, nicht passen. Gerade in dem 
Punkte, in dem der Charakter durch den leisesten Hauch seinen echten Glanz verliert, 
fallt auf den des Tiberius ein Schatten. Die Quelle seiner Handlungen ist trübe; denn 
das ihn leitende Motiv ist zunächst Ehrgeiz 52 ); dass dieser seine Befriedigung sucht in 
der Verbesserung der Lage des Volkes, erscheint fast als zufällig 53 ). Seine weiteren 
Schritte veranlasst die Furcht vor dem Verluste der Sympathien des Volkes 54 ). Der Ge- 
sichtspunkt, der nach Appian 5r> ) den Tiberius leitete, dass die bestehenden Verhältnisse 
einer Reform bedürftig seien, weil sie die Weltherrschaft und den inneren Bestand 
des Reiches gefährdeten, tritt bei Plutarch vollständig zurück. Von Einfluss auf diese 
verschwommene Auffassung mag die Parallele 56 ) mit den Spartanerkönigen und seine 
Neigung, bei den Vergleichen die Griechen stets in hellerem Lichte erscheinen zu lassen, 
gewesen sein; einen Teil der Schuld an dieser Darstellung mag auch seine persönliche 
Auffassungsweise in allen Verhältnissen und sein eng begrenzter, politischer Einsicht ver- 
schlossener Gesichtskreis tragen. Aber auch nur einen Teil. Wollte man weiter gehen, 
so würde man verkennen, wie sehr er jene persönlichen Motive in den Vordergrund 
stellt, in allen Tonarten gleichsam variiert und selbst klaren Angaben authentischer Quellen 



52 ) Vgl. besonders die Einleitung zum Agis und den Vergleich. 

:>i j Tib. cap. 8. Die gleiche Auffassung, nur prononcierter, bei Dio Cass. fragm. 86, nach dem er 
sich auf die Seite des Volkes schlug, weil er seine Absicht, sich über alle emporzuschwingen, eher im Bunde 
mit diesem als mit dem Senate durchführen zu können glaubte. 

"' 4 ) Einl. zum Agis cap. 2; Tib. cap. 17. 

:,r ') b. c. I. 9 und 11. 

r,c ') Diese scheint ihn auch zu anderen wol nicht ganz ernstlich gemeinten Äusserungen verführt 
zu haben, wie: Die Gracchen hätten zu einer Zeit gelebt, da unter den Bürgern ein allgemeiner Wetteifer 
in rühmlichen Thatun herrschte u. dgl. Vergleich cap. 1. 



XVI 

gegenüber hervorhebt cap. 8). Und selbst auch die Annahme, als ob Plutarch bei dem 
Ehrgeiz dos Tiberius an etwas durchaus Nachahmungswertes gedacht habe und ihn so 
verstanden wissen wolle, ist besonders seinen Äusserungen in der Einleitung zum Agis 
gegenüber nicht gerechtfertigt. Hier (cap. 1) stellt er eine ausführliche Betrachtung an 
ober den Ehrgeiz und diejenigeu, welche nach der Gunst des Volkes streben. Der Mythus 
von lxion wird auf die Ehrgeizigen gedeutet, die ebenfalls nur mit dem Schatten- 
bild e der Tugend verkehrten. Die Ehrgeizigen, führt er weiter aus, richten ihr Streben 
nicht auf etwas Lauteres und Echtes, sondern auf allerlei Trug- und Zwittergestalten; sie 
folgen den Eingebungen des Neides und anderer Leidenschaften, sie sind nur die Diener 
des grossen Haufens. Nachdem er diese Bemerkungen im 2. Kapitel in noch stärkereu 
Ausdrüchen noch weiter fortgesetzt hat, führt er schliesslich als Veranlassung derselben 
das Schicksal der Gracchen an und fährt dann fort: Ihre Bestrebuugen sind nur Ausfluss 
ihres persönlichen Verhältnisses zum Volke, gestalten sich zu einem reinen Wettkampfe 
mit dem ihnen von diesem bezeigten Wohlwollen. So kann ein Zweifel daran wol nicht 
mehr bestehen, dass seine Berichte in ihm wirklich die Überzeugung von dem übertriebenen 
Ehrgeize, ja von dem stark sich geltend machenden Egoismus der Gracchen erzeugt 
hatten. Wenn nun daneben andere Stellen sich finden, in denen diese Auffassung 
abgeschwächt erscheint, ja der Edelmut des Tiberius über alles gepriesen wird, so beweist 
das nur, dass auf Plutarch auch andere Einwirkungen stattfanden. Und so haben wir 
in seiner Darstellung den eiteln Versuch vor uns, diese verschiedenen Auffassungen mit 
einander zu versöhnen, in deren Unvereinbarkeit eben der Gegensatz der streitenden 
Parteien zum Ausdruck gelangt. 

Aus der vorstehenden Ausführung ergeben sich für Plutarch hinsichtlich der Quellen- 
benutzung und des geschichtlichen Wertes folgende Schlüsse : Sein Bericht qualificiert sich 
zunächst nicht als treue Wiedergabe einer guten Quelle. Da aber nach seiner eigenen 
Angabe viele Quellen ihm vorlagen, und da ferner manche seiner Bemerkungen sich nur 
auf Zeitgenossen zurückführen lassen, so ergiebt sich weiter iuv ihn der Schluss einer 
mangelhaften Benutzung des Quellenmaterials. Ferner kann sein Bericht nicht aus der 
Benutzung bloss einer Quelle hervorgegangen sein, noch weniger ist er die einfache 
Copie seiner Vorlage. Er jst vielmehr entstanden aus der Bearbeitung mehrerer 
Berichte, welche aber nicht einfach gleichsam zusammengestückt, sondern selbständig 
benutzt sind' 7 ). Endlich war in diesen die Auffassung beider Parteien vertreten und 



: ' 7 ) Bauer: Theraistokles, Studien und Beiträge zur griechischen Historiographie und Quellen- 
kunde. Merseburg 1881, gelangt hinsichtlich der Arbeitsmethode Plutarchs zu demselben Resultate. 
S. 140: „Kann also von einem Abschreiben der Quellen (bei Nepos und Trogus) schon in Folge davon (der 
Neigung zur Rhetorik) ebenso wenig die Rede sein, als wenn heute jemand ein Lebensbild aus vergangenen 
Tagen nach mannigfacher Loktüre zusammenstellt, so ist eine solche Vorstellung von der Arbeitsmethode 



XVII 

unter ihnen hat sich dann Plutarcb am meisten an diejenigen angelehnt, die den Tiberius 
verherrlichten Ausserdem leiteten ihn bei der Auswahl seiner Quellen und des aus ihnen 
benutzten Materials Rücksichten auf literarische Notizen und moralische Bemerkungen 5 *). 
Ks ist nicht unnötig, diese Aufstellungen gegenüber den mit grosser Bestimmtheit 
geltend gemachten abweichenden Urteilen") noch etwas näher zu beleuchten. Die ganze 
Darstellung tragt ein scharf subjektives Gepräge; durch öfteres Hevorheben der eigenen 
Meinung bei coutroversen Punkten, selbst deutlichen Angaben seiner Quellen gegenüber 
(cap. 8 erhebt Plutarcb sich gleichsam über seinen Stoff und giebt er seine Absicht zu er- 
kennen, nicht einfach, wie Herodot, Erzähltes wiederzuerzählen, sondern das Material auf- 
zufassen, wie der Bildhauer den Marmor. Dasselbe zeigen die aus seiner Lektüre in die 
Erzählung eingestreuten literarischen Anspielungen' 1 ") und Citate' 11 ), Verbindungen der ein- 
zelnen Teile des Berichtes, die nicht in dem Stoffe selbst gegeben, sondern von all- 
gemeinen Gesichtspunkten hergenommen sind" 2 ), endlich Bemerkungen über das geltende 
Recht, die in der Darstellung eines Römers ganz überflüssig sein mussten™). Zum Be- 
weise für unsere Annahme, dass die Biographie aus der Bearbeitung mehrerer Berichte 
entstanden sei, können wir zunächst wieder auf die allgemeinen Wendungen, wie nvtc 
Xtyovm u. s. w. besonders im Kap. 8 verweisen 64 ). Oder will man lieber zu der mit dem 
ganzen Charakter seiner Darstellung unvereinbaren Annahme greifen, er habe diese nur 

Flutarchs vollends unrichtig, . sei es, dass man sich denkt, er habe eine biographische Quelle zu Grunde 
gelegt und dieselbe mit allerlei Citaten aus anderen Autoren bereichert, oder dass man annimmt, seine 
Biographie sei ein Mosaik von unterschiedlichen mehr oder minder wörtlich abgeschriebenen Angaben der 
vnii ihm citierten Autoren.'' Und in einer Anm. dazu: „Es ist im allgemeinen eine viel zu engherzige 
Auffassung üblich." Derselbe Gedanke S. 73. 

lauer a. a. 0. S. 72 führt aus, wie Plutarch auch im Leben des Themistokles sich bei einer 
Nachricht von einer philosophischen Reflexion leiten lässt, und fügt dann hinzu, „dass wir hieraus 
lernen könnten, dass es oft da. wo wir historische Darstellung zu haben meinen, dem Schreiber um ganz 
andere Dinge zu thun ist. die für die Wahl und Ausdeutung seiner Quellen nicht gleichgültig sind. 

I Jei Peter, Quellen u. s. w. S. 4 in bezug auf das Verfahren Plutarchs im allgemeinen: 
: den früher schon Genannten behaupten noch die Abhängigkeit desselben von einer Quelle: Heeren: 
Vermischte histor. Schriften III. S. 405, der für diese das griechisch geschriebene Werk des Rutilius 
Kufus hält, und van Geer: de fönt. P. in vit. Gracchorum. 1878, dessen Schrift mir indes nicht zu- 
gänglich war. 

co ) cap. 10, Cajus cap. 9. 
C1 ) Agis cap. 1. 

r,? ) cap. 7 der Übergang zu der Darstellung der politischen Thätigkeit des Tiberius; cap. 15 der 
Grund, weshalb er das grosse Fragment der Rede aufgenommen habe, in der Tiberius die Absetzung des 
ivius rechtfertigt. 

Jap. lo über die tribunicische [ntercession ; cap. 11 über die Absetzung des Octavius. 
Vergl. S. 2. 



xvni 

in einer Quelle gefunden und sie aus dieser einfach abgeschrieben? 65 ) Ferner verweisen 
wir auf die Unterbrechung der fortlaufenden Erzählung durch Excurse, die mit der Sache 
selbst nur in einem ganz losen oder auch gar keinem Zusammenhange stehen, die also 
einen andern Ursprung haben müssen als diese selbst, Endlich aber zeigt sich der im 
Vorhergehenden bereits nachgewiesene Einfluss eines optimatischen Berichtes auch in der 
ausdrücklichen Verurteilung der Absetzung des Octavius" ) und in der äusserst absprechen- 
den Schilderung des Volkes ,i7 ). Denn gerade diese beiden Punkte sind wesentliche Züge 
der optimatischen Auffassung. Was zunächst den erstem betrifft, so zeigen die übrigen 
Berichte, dass den Gegnern des Tiberius nicht sein Ackergesetz als das Gefährlichste er- 
schien, sondern das von ihm zur Durchsetzung seiner Pläne beobachtete Verfahren 88 ), das 
die politische Machtstellung des Senates gefährdete. Ackergesetze hatte man sich ja auch 
früher gefallen lassen müssen, zudem waren sie ja auch eigentlich keine politische Mass- 
regel, welche die Nobilität als Gesamtheit traf. Aber eine ganz bedenkliche Neuerung 
war es, dass Tiberius bei seiner Rogation nicht nur die Auswirkung eines billigenden 
Senatsbeschlusses vernachlässigte, sondern sogar durch die einfache Beseitigung des einzigen 
gesetzlichen Hindernisses dem Senate die beste, in der leichten Gewinnung eines Tribunen 
bestehende Waffe entwand, die so oft sich bewährt hatte. Hinsichtlich des zweiten Punktes 
aber sei daran erinnert, dass es in dem seit dem Auftreten der Gracchen besonders heftig 
entbrennenden Kampfe zwischen dem Senate und den Tribus um die rechtlichen Befugnisse 
vor allem im Interesse des ersteren lag, das Volk in einer möglichst untergeordneten 
und verächtlichen Stellung erscheinen zu lassen: eine Richtung der optimatischen Gcschicht- 



65 ) Vergl. Bauer a. a. 0. S. 118. 

66 ) Denn dieselbe war in der Stellung, welche die Volkstribunen zur Zeit Plutarchs faktisch 
einnahmen, nicht begründet. Schon Cäsar setzte Tribunen ab. Vergl. Becker-Marquardt : Handbuch 
der röm. Alterthümer, IL 3. S. 253. 

67 ) dasselbe ist bei ihm eine verarmte, neuerungssüchtige, wankelmütige, feige Menge. Die plebs 
ni8tica ist ihm unbekannt; Tiberius wird einfach bei den Tribunatswahlen von dieser undankbaren und 
apathischen Menge im Stich gelassen, während in der That, wie aus Appian hervorgeht, die Arbeiten der 
Ernte die ländliche Bevölkerung von den Wahlen fern hielten. Besonders herabsetzend sind seine Aus- 
drücke über das Volk in seinen in den ersten Kapiteln des Agis mit Beziehung auf die Gracchen angestellten 
Betrachtungen über das Verhältnis der Staatsmänner zu der Menge. 

68 ) Liv. epit. 1. 58. Tib. Sempr. Gracchus trib. pl. cum legem agrariam ferret adversus volun- 
tatem senatus . . . ., in euin furorem exarsit, ut M. Octavio collegae .... potestatem lege lata abrogaret; 
Cic. delegg. III. 10. 24. Quid enini illum (TL Gracchum) perculit, nisi quod potestatem intercedenti collegae 
abrogavit? Brut. 25. 15. Eum iniuria aeeepta fregit patientia M. Octavius. De har. resp. 19. 41; pro 
Mil. 27. 72. Dagegen verliert sein Ausdruck an Schärfe, und er ist sogar eines Lobes fähig, wenn er von 
dem Ackergesetze des Tiberius spricht: de leg. agr. IL 5. 10 und IL 12. 31. Aur. Vict. de vir. ill. 04: 
Octavio novo exemplo magistratum abrogavit. Flor. III. 14. C. Octavium . . . . contra fas collegii, 
inieeta manu, depulit rostris. 



XIX 

Schreibung, welche besonders unter dem Einflüsse der aristokratischen Erhebung unter 
Sulla 69 ) in Val. Antias ihren Höhepunkt erreichte und den bezeichnendsten Ausdruck 
fand in dem erfolgreichen Bestreben, selbst die alte römische Plebs, die als Kern der 
Legionen mit jenem staunenswerten Heroismus und jener unerschöpflichen Kraftfülle die 
Kämpfe um die Herrschaft über Italien ausfocht, zu der bekannten fragwürdigen Er- 
scheinung umzugestalten 70 ). Man wird also weiter behaupten können, dass wir in diesen 
Beziehungen bei Plutarch einen unter optimatischem Einfluss geschriebenen Bericht vor 
uns haben; und wenn wir dabei in erster Linie an Val. Antias oder Livius denken, 
so hat das in der hervorragenden Bedeutung 71 ) dieser beiden Schriftsteller in der bezeich- 
neten Richtung wohl einige Berechtigung. Beide hatten ja den Vorzug grosser Reich- 
haltigkeit des Stoffes, des Livius Bericht über die Gracchischen Unruhen umfasste die 
Bücher 58 — 60. Ferner ist die Benutzung des Livius in anderen Biographien nachgewiesen 72 ), 
und mit ihm und denjenigen, die mehr oder weniger von ihm abhängig sind 73 ), hat Plutarch 
auch im einzelnen Berührungspunkte: Die Nachricht in betreff der Vorschläge des Tiberius 
hinsichtlich der pergamenischen Erbschaft hat er mit Livius gemein 74 ); die Gedanken der 
Rede, welche bei ihm Tiberius zur Empfehlung seines Ackergesetzes hält, finden sich auch 
bei Florus 75 ), nur dass sie hier nicht geradezu in der Form einer Rede des Tiberius er- 
scheinen, sondern als Beschwerden, die überhaupt den aufrührerischen Gesetzen einen 
Schein von Rechtmässigkeit verliehen hätten 76 ). Die Erzählungen von der aufopfernden 
Liebe des altern Tib. Gracchus zu seiner Gemahlin und von der innigen Freundschaft des 
Blossius mit dem Tiberius hat auch Val. Maximus 77 ). 

Die angeführten Thatsachcn gebieten uns also auch in dieser Beziehung wieder in 
unserem Urteile über den geschichtlichen Wert der Biographie Plutarchs Vorsicht. Erregen 
sie auch nicht den Verdacht absichtlicher Täuschung, so gestatten sie andererseits ebenso 



69 ) Nitsch: Köm. Annal. S. 166 usf. 

70 ) Nitsch: a. a. 0. S. 346 usf., ferner S. 324 usf., S. 335 usf. 

71 ) Nitsch: Köm. Annal. S. 355; Teuffei a. a. 0. S. 59. „Für die Geschichte der republikanischen 
Zeit wurde in dieser Epoche des allgemeinen Verfalls (Kaiserzeit) Livius ausschliesslich massgebend." 

72 ) Peter, Quellen u. s. w. 

73 ) Vgl. über das Verhältnis des Val. Maximus und Florus zu Livius: Klebs: de scriptoribus 
aetatis Sullanae. Berol. 1876 S. 2 usf. 

u ) Liv. ep. 58 nur in anderer Form. 

75 ) III. 13 und 14. 

76 ) Bauer, a. a. 0. S. 142 usf. führt Beispiele an, wo Plutarch ebenfalls ganz allgemein und 
ohne Namen Berichtetes auf seinen Helden überträgt. 

77 ) IV. 6. 1 und IV. 7. 1. — W. Bijvanck: studia in Tib. Gracchi historiam. Lugd.-Batav, 1879, 
S. 42 usf. findet in dem Teil des Berichtes Plutarchs, der die letzten Tage des Tiberius behandelt, ebenfalls 
Spuren des Livius. — Wir können also Schmidt's (a. a. 0. S. 7) Behauptung, dass wir „über Plutarchs 



XX 

wenig die Annahme, dass die umsichtige Untersuchung aller Momente, die Erforschung 

und Darstellung der lauteren Wahrheit Plutarchs ausschliessliches oder auch nur erstes 
Princip gewesen sei B ). 

Appians Bericht legt zunächst auf die Person des Tiberius nicht mehr Gewicht 
als es der Hauptperson desselben zukommt. Dagegen zeigt er unverkennbar das Bestre- 
ben, sein Wirken in das rechte Licht zu setzen. Die geschichtliche Übersicht über die 
inneren Zustände, welche die Darstellung der Bürgerkriege einleitet, ist allerdings weit 
entfernt davon, uns die Stellung des Tiberius recht erkennen zu lassen; allein dieselbe 
inuss von dem Gesichtspunkte aus beurteilt werden, dass sie vor allem zeigen soll, wie 
erst nach dem Auftreten des Tib. Gracchus die inneren Kämpfe einen blutigen und ge- 
waltthätigen Charakter angenommen hätten. Daher die ganz ungleichmässige Behandlung 
dieser beiden Teile; dadurch wurde er ferner veranlasst, sich in dem eisten Abschnitte 
auf die an die Einführung des Volkstribunats und das Auftreten des Coriolan sich knüpfenden 
Kämpfe zu beschränken, dagegen in dem zweiten mit der allerdings starken Übertreibung 
die inneren Kämpfe zu schildern. — Durch eine ausführliche Schilderung der Entwicklung 
der agrarischen Verhältnisse werden wir in stand gesetzt, die Missverhältnisse der Zeit zu 
beurteilen. Diese erkennt Gracchus selbst sehr genau, und diese Einsicht bestimmt auch 
seine Pläne. Aus ihr erwächst ohne allen äussern Anstoss sein Entschluss: nicht ein 
schwächliches Produkt unklarer Erkenntnis und wankelmütigen Willens, das nur unter 
dem stärkenden Einfluss der Volksgunst gedeiht. Den einmal betretenen Weg zur Aus- 
führung desselben verfolgt er unverwandten Auges, wenngleich nicht ohne ernste Über- 
legung und oft nicht ohne schwere Bedenken. So erscheint er nicht, wie bei Plutarch, 
in dem Zauber des zarten Wohlwollens, das vor allen harten Massnahmen heftig zurück- 
schaudert; aber auch nicht als ein Mann, der mit Mitteln weichlicher Sentimentalität einer 
Welt entgegen treten will, die er gegen sich aufgeboten hat. Weit entfernt von jenem 
platonischen Verhältnisse zu dem Volke, lässt er sich nur durch sachliche Momente lei- 
ten. Es ist bezeichnend in dieser Beziehung, dass er bei Appian (cap. 9 u. 11) bei der 
Begründung seiner Reformen weniger appelliert an das Gefühl; dass er sich nicht ergeht 



Quellen zu keiner sicheren und beweisbaren Annahme gelangen können", und die Böhme- (a. a. 0. S. 12), 
dass ., Plutarch aus meist guten, ja zum Theil den besten und unmittelbarsten Quellen geschöpft habe und 
mithin in dieser Hinsicht grossen Werth für lins besitze" nicht als zutreffend anerkennen. Die Ansicht 
Wijinne's, dass Plutarchs Gewährsmann ein Vorkämpfer der Aristokratie gewesen sei, muss auf die von ans 
bezeichneten Punkte beschränkt werden. Vgl. darüber Böhme S. 13. 

78 ) Der Eindruck, welchen unsere Biographie macht, scheint uns sehr zutreffend in dem allgemeinen 
Urteile bezeichnet zu sein, das Courier in folgenden Worten über Plutarch aussprach: C'est un plaisanf 
Historien: bod merite est tout dans 1" style. 11 sc moque des faits, ei a'en prend que ce qui lui plait, 
n'avant sonci <|uc de paraitre habile ecrivain. 11 ferait gagner a Poinpee la bataille de Pharsale, si cela 
pouvait arrondir taut seit peu sa phraae. (Vgl. Bijvanck a. a. 0. 8. 3.) 



XXI 

in der Schilderung der traurigen Lage der Annen (L'lut. cap. ( J), sondern in rein sachlicher 
Weise hinweist auf die Unhaltbarkeit der damaligen Verhältnisse, auf die Gefahren, welche 
die unverhältnismässig starke Vermehrung der unkriegerischen Sklaven und die Vernich- 
tung des kleinen bäuerlichen Grundbesitzes für den Bestand des Staates hätten. Überhaupt 
bringt Appian alles in einer besseren inneren Motivierung. Das Ganze ist bei ihm nicht 
ein blosser Kampf des Edelmutes gegen Egoismus; die teilweise sehr gewichtigen Gründe 
der Gegner werden wohl gewürdigt (cap. 10), so dass ihre Opposition, wenn auch nicht 
als formell berechtigt, so doch als natürlich und faktisch wohl begründet erscheint. Und 
so auch sonst in sachlicher Beziehung reichhaltiger als Plutarch, entbehrt er dagegen des 
ausschmückenden Beiwerks, das wir hier fanden. Der Faden der Erzählung wird nicht 
durch Abschweifungen auf andere Gebiete unterbrochen; subjektive Bemerkungen hat er 
überhaupt nur an solchen Funkten eingeflochten, bei denen er ohne dieselben ein genü- 
gendes Verständnis bei seinen Lesern für unmöglich halten mochte. 79 ) — Die Darstellung 
ist im Gegensatz zu Plutarehs gefälliger Geschwätzigkeit im allgemeinen knapp und 
präeis, s " dabei sachlich bestimmter und individueller. 81 ) In bezug auf die Auffassung der 
Ereignisse ist sie aller subjektiven Färbung fern; sie lässt die Thatsachen selbst reden. 
Für die Absetzung des Octavius hat Appian weder ein Wort des Tadels noch des Lobes, 
und selbst durch die letzte traurige Katastrophe wird er in seiner kalten Objectivität nicht 
alteriert. Aber trotzdem gewinnen wir den Eindruck, als ob sein Gewährsmann der Volks- 
partei näher gestanden habe und der Sache des Tiberius zugethan sei. Die verschiedenen 
Strömungen innerhalb der Senatspartei, die Plutarch andeutet (cap. 9), die Verhandlungen 

79 ) Cap. 12 Erklärung des Einspruchsrechtes der Tribunen; cap. 10 versucht er zu erklären, 
ilb Scipio Nasica bei dem Angriff auf die Anhänger des Tiberius „den Saum dos Kleides um den 
Kopf zog.- Seine Erklärungsversuche sind indes ungenügend und machen den Eindruck, als ob er die 
Angabe seiner Vorlage hier nicht mehr verstanden habe und auf seine Weise sich zarecht zu legen suche 
(Vgl. darnber Bijvanck a. a. 0. S. 38 usf., der jene Stelle, wie es scheint zutreffend, auf die Gewohnheit der 
pontitices deutet, mit verhülltem Kopfe zu opfern.) Cap. 16 spricht er seine Verwunderung darüber aus. 
dass mau in der letzten Senatssitzung nicht daran gedacht habe, einen Diktatur zu ernennen, obgleich dies 
früher schon so oft sich bewährt habe. Hier handelt es sich für Appian wohl bloss darum, (-inen Beweis 
von seiner Kenntnis des römischen Altertums zu geben. 

"V Wenn er uns erklären will, wie Octavius das Gesetz des Tiberius verhindern konnte, so sagt 
er einfach, dass das Recht der Intercession ihn dazu berechtigte (cap. 12), während Plutarch an derselben 
Stelle gleichsam zu einer allgemeinen staatsrechtlichen Bemerkung ausholt. 

sl ) Di- ich /.. I!. in ihren Berichteu über die Intercession des Octavius. Plutarch (cap. 10) 

ch mit dem unbestimmten diExourero tov vouov. während Appian (cap. 12) durch "das bestimmte: 
hcdXsvi rov ynt'./itt<ai<< atyav uns in die Verhandlungen der Tributcoinitien einführt. Wir haben hier 
.•inen um so zuverlässigem Beweis für die umsichtigere Arbeitsmethode Appians, als wir bei seiner 
^"listigen Kürze und der sonst fast epischen Färbung der Ausdrucksweise Plutarehs eher das entgegen- 
gesetzt-- Verhältnis erwarten sollten. 



XXII 

dos Senates keimt er nicht ; dagegen die Verhandlungen der Tributcomitien schildert er 
ausführlich und sachgemäss, überhaupt ist er mit den Schritten der Volkspartei mehr ver- 
traut. Mit ganz besonderem Nachdruck betont er die Notwendigkeit der Reform des 
Tiberius. Dessen Gründen verleiht er dadurch ein ganz besonderes Gewicht, dass er die- 
selben in zwei Reden, den einzigen, die er eingeflochten hat, ihn selbst ausführen lässt. 8 ') 
(Cap. 9 u. 11). Das Volk erscheint in einer achtungsvverteren Stellung. Es ist 
nicht jener städtische Pöbel Plutarchs, sondern ein in Folge der Unterdrückung 
verarmter und der Vernichtung nahegebrachter Bauernstand. Tiberius selbst schildert 
dasselbe als eine wesentliche Stütze des Staates und der Weltherrschaft Roms. Diese 
ruhige Auffassung ist um so beachtenswerter bei einem Geschichtschreiber, der im all- 
gemeinen in seinem Werke eine grosse Bevorzugung seines Vaterlandes an den Tag legt 83 ) 
und der sich wohl bewusst war, dass die inneren Kämpfe, welche das Auftreten des Ti- 
berius entfachte, in ihrer Rückwirkung auf die äusseren Verhältnisse zu der Unterwerfung 
desselben den Anlass gegeben hatten. 84 ) 

Hinsichtlich der Quellen und des geschichtlichen Wertes Appians gestatten uns 
vorstehende Bemerkungen wohl folgende Schlüsse: Seine Darstellung macht den Eindruck 
eines gut benutzten gleichzeitigen Berichtes; namentlich hatte dieser eine besondere Rück- 
sicht auf die Entwicklung der agrarischen Verhältnisse Roms von den ersten Zeiten an 
genommen. Spuren einer Benutzung mehrerer Quellen liegen nicht vor 85 ), namentlich aber 
schliessen die einheitliche Auffassung und der innere Zusammenhang den Einfluss 
entgegengesetzter Berichte aus. Die leidenschaftlose Sprache, selbst in den Reden 
des Tiberius, deutet auf einen Berichterstatter, der den Dingen objektiver gegenüberstand 
und durch die herrschenden Gegensätze nicht verbittert war. Ferner konnte der Möglich- 
keit eines Erfolges der Gracchischen Reform ein so überzeugungstreuer Ausdruck nur in 
einem Berichte gegeben werden, der nicht von dem allgemeinen Verderbnis der öfter ge- 
nannten Geschichtsfälschung des letzten Jahrhunderts der Republik afficiert war, der ent- 
stand, bevor der factische Misserfolg der Bestrebungen des Tiberius ihre Opportunität und 
Berechtigung als zweifelhaft erwies und die bald unter den Gewalttätigkeiten selbst- 
süchtiger Demagogen sich drängenden Erschütterungen des Staatswesens den Patrioten die 
Reinheit seiner Absichten gegenüber seiner Schuld an der verhängnisvollen Entfessellung dieser 



82 ) Ranke a. a. 0. III. 2. S. 218: „Appian ist keineswegs gegen die Gracchen; die Motive des 
Tiberius lernt man gerade bei ihm am besten kennen." 

83 ) Vgl. Hanna k: Appianus und seine Quellen. Wien 1869. S. 6; Dominicus: de Appiano 
rerum rem. scriptore graeco. Progr. Coblenz 1844. S. 14: „neque anquaö quotieseunque occasio fert laudes 
Aegypti apponere omisit." 

8i ) bell. civ. 1. 5 und b. 

86 ) Vgl. Hannak a. a. 0. S. 4(), der diese Ansicht ganz allgemein ausspricht. 



XXIII 

Mächte übersehen liessen 6f, \ kurz, der entstand, bevor das Bild der Gracehen in dem Volks- 
bewusstsein soweit verzerrt war, da.ss man von ihm einzelne Züge zur Zeichnung des 
„Demagogen" Sp. Cassius entlehnen konnte 87 ). Es muss also die Quelle Appians älter 88 ) 
sein als in einzelnen Punkten die des Plutarch. Werden diese Schlüsse als gerechtfertigt 
anerkannt, so ergiebt sich für die früheren Untersuchungen in zweifacher Beziehung die 
Notwendigkeit einer Einschränkung. Einmal beruhen die völlig negativen Resultate bei 
Wijinne und Böhme, sowie die Behauptung Schmidts, „dass wir über die Quellen Appians 
nichts zu sagen vermögen" auf einer nicht genügenden Berücksichtigung des Charakters 
seiner Darstellung; andererseits aber hat die Annahme, dass seine Quelle Posidonius 
von Apamea gewesen sei, nur den Wert einer unbeweisbaren Vermutung, die man mehr- 
fach, wohl verfühit durch die Bestimmtheit, mit der sie Nicbuhr zuerst aussprach 90 ), 
mit Unrecht als eine ausgemachte Sache behandelt hat 91 ). — Der Bericht Appians 
charakterisiert sich endlich als einen im allgemeinen in hohem Grade sorgfältigen und 
glaubwürdigen. Sein unverkennbares Streben nach allseitiger Darlegung der Verhältnisse, 
sein pragmatisierendes Verknüpfen der Ereignisse, endlich seine in der Form gewahrte 
Objektivität lassen uns einen sachlich im allgemeinen ausreichenden und der Wahrheit 
entsprechenden Bericht voraussetzen. 

Hinsichtlich des Verhältnisses der beiden Berichte zu einander bedarf es nach 
dem Gesagten wohl nicht der ausdrücklichen Schlussfolgerung, dass wir die Annahme einer 
gemeinsamen Hauptquelle oder einer grösseren Abhängigkeit des einen von dem anderen 
ausschliessen müssen. 



8G ) Ulrici: Charakteristik der antiken Historiographie S. 251 : „Der Eömer fragte zunächst nach 
Zweck und Nutzen der Erscheinung; erst wenn er hierauf eine genügende Antwort erhielt, forschte er nach 
dem Warum und dem Wie ihrer Existenz, und verband mit pragmatischem Sinne Zukunft, Gegenwart und 
Vergangenheit zu Einem Momente der Beurteilung. Diese Forschungen galten in der Geschichte indessen 
nur dem Staate und der Kömischen Grösse; jede andere Beziehung und Bedeutung der einzelnen Begebenheit 
blieb dem Römischen Geiste fremd." 

87 ) Mommsen: Römische Forschungen II. S. 153 u. ff. 

hH ) Spuren einer solchen möchten bei Appian auch vielleicht in bell. civ. II. 120 vorliegen, wo er 
den Unterschied ausführt, der zwischen der alten Plebs und der zur Zeit Cäsars bestanden habe. 

90 ) Niebuhr: Römische Geschichte II. S. 360 : „Ich glaube, dass man ohne einigen Zweifel an- 
nehmen kann, er folge hier (Darstellung der agrar. Verhältnisse vor den Gracehen) und im ganzen ersten 
Buch von den bürgerlichen Unruhen, dem im Alterthum sehr hochgeachteten Pos. von Apamea." 

91 ) Vgl. darüber Klebs a. a. 0. S. 03. Dass Posidonius der griechischen Sprache sich bedient 
hatte, kann man nicht als Stütze für jene Annahme ansehen. Der längere Aufenthalt Appians in Rom 
musste ihm eine genügende Vertrautheit mit der lateinischen Sprache verschafft haben. (Vgl. Hannak S. 8.) 



XXTV 



1). Prüfung der beiden Berichte in bezug auf die einzelnen Thatsadien. 

Plutarchs Bericht enthält zunächst (cap. 1) eine Schilderung der Vorzüge der Eltern 
des Tiberius"' und eine Vergleichung der beiden Brüder mit einander (cap. 2 und 3) und 
geht dann zu Tiberius selbst über. Wie wir diesen in der Erzählung (cap. 4) von seiner 
Aufnahme in das Collegium der Augurn und seinen Kriegsdiensten in Afrika als einen in 
jeder Beziehung ausgezeichneten jungen Mann kennen lernen, so zeigt uns der darauf 
folgende Bericht (cap. 5) von seiner Quästur in Spanien unter des Mancinus Oberbefehl 
und von dem unglücklichen Vertrage mit den Numantinern, wie derselbe auch im Unglück 
den Mut und die Achtung vor seinen Vorgesetzten nicht verliert und durch seine Vorzüge 
selbst den Feinden bereits Achtung und Vertrauen abgezwungen hat. Nachdem der Bericht 
dann endlich durch die Schilderung seiner weiteren Beziehungen zu den Numantinern 
(cap. 6) und seiner durch die Anhänglichkeit des Volkes erfolgten Lossprechung von Stfafe 
für die Teilnahme an jenem Vertrage das Bild eines hervorragenden Mannes vervoll- 
ständigt hat, reiht er daran von cap. 8 in ziemlich lockerer Verbindung den Beginn seiner 
politischen Thätigkeit. Eine kurze Darlegung der agrarischen Miss Verhältnisse, der schon 
von andereu geplanten Reformversuche und der verschiedenen Angaben seiner Quellen 
über des Tiberius Beweggründe zu seinen Reformen leitet dieselbe ein. Plutarch wird in 
den meisten auch dieser Angaben von anderen Nachrichten bestätigt und es gereicht 
ihm auch nicht zum Vorwurfe, dass er unter jenen von ihm aus zahlreichen Quellen an- 
geführten Beweggründen des Tiberius gerade denjenigen nicht erwähnt, der von den 
römischen Schriftstellern meistens angegeben wird 03 ): Furcht vor Strafe in Folge des ge- 
nannten Vertrages. Denn diese Angabe konnte in die gleichzeitigen Berichte nicht aufge- 
nommen sein, weil sie chronologisch unhaltbar" 1 ) ist, und scheint daher ein Produkt der späteren 
Verläumdung des Tiberius oder der Übungen in Rhetorenschulen zu sein 95 ). — Appian beginnt 
mit der Darlegung der agrarischen Verhältnisse; diese ist bei ihm eingehender und von 



Seine Angaben über das Verhältnis des Vaters zu dein altern Scipio bestätigen: Liv. XXXVIII. 53; 
V;jI. Max. IV. 2. 3. Dio Cass. fragm. 72; Gell. N. A. XII. 8; über seine Censur und sein Consulat: Val. 
Max, VI. :,. .}. und IX. 12. 3. 

Cic. de liarusp. resp. 20. 43, Brut. 27, 103; Vell. Pat. II. 2; Flor. III. 14. Nach Dio Cass. 8(i 
hatte er sogar eine Auszeichnung erwartet. 

'") Nachgewiesen bei Bijvanck S. 4(i Anmerk. 1. Inwiefern aber Erbitterung- gegen den 
Senat in Folge der Verwerfung t]v* von ihm vermittelten Vertrages ihn beeinflusst habe, lässt sich nicht 
entscheiden. .Man muss jedoch berücksichtigen, dass jene Verwerfung doch auch vom Volke gebilligt worden 
war: und so möchten wir den Einfluss jenes [Jmstandes nicht so hoch anschlagen, als dies bei Ihne: Rom. 
Gesch. V S. 34 geschieht. 

95 ) Quint. V. 13. 24; vgl. dazu Anmerk. 15. 



XXV 

der bei Plutarcb abweichend; dagegen setzt er die Beweggründe des Tiberius als in den 
geschilderten Verhältnissen gegeben voraus. Daran reiben sieb bei beiden die Kämpfe 
um das Ackergesetz. Aber weder jene noch dieses sind bei ibnen identisch. Eine Über- 
einstimmung /eigen die beiden Berichte hier nur im allgemeinen, während sie im einzelnen 
sehr von einander abweichen. Sehen wir zunächst von der ersten vorbereitenden Versamm- 
lung desAppian ab, in welcher Tiberius sein Gesetz ankündigt, so berichten beide überein- 
stimmend von drei Versammlungen, in denen die Sache verhandelt und entschieden 
wurde. In der ersten derselben stellt Tiberius bei beiden, freilich mit wenig überein- 
stimmenden Gründen, seinen Antrag, und Octavius protestiert; dann verschiebt jener bei 
Appian einfach die Versammlung auf den folgenden Tag, während er bei Plutarcb das 
ursprüngliche Gesetz verschärft. Bei diesem liegen ferner zwischen der ersten und zweiten 
Versammlung die Kämpfe und Unterhandlungen mit dem Octavius 96 ), die Nachstellungen 
der Reichen und die dadurch provocierte Bewaffnung des Tiberius mit einem Dolon: Vor- 
gänge, für die Appians Darstellung keinen Platz hat 97 ). Auch in den Angaben über die 
zweite Versammlung sind die Berichte verschieden; der eine ist an sich unverständ- 
lich und bedarf der Ergänzung durch den andern. Bei Appian lässt Tiberius wieder 
seinen Antrag verlesen; da Octavius wieder Intercession einlegt, entstehen Streitigkeiten 
unter den Tribunen, welche die Optimaten beizulegen suchen; bei Plutarcb dagegen fordert 
Tiberius zur Abstimmung auf, darauf werden die „Urnen" von den Reichen weg- 
genommen, und es entsteht eine grosse Verwirrung; die drohenden Gewalttaten suchen 
dann auch hier die Optimaten zu verhindern 98 ). Die letztere Darstellung ist offenbar 
ganz unvollständig und unverständlich; denn obgleich von dem Verhalten des Octavius 
bei dieser Versammlung alles abhängig ist, wird derselbe gar nicht erwähnt; statt seiner 
gesetzmässigen Intercession tritt die gewaltsame Wegnahme der Urnen durch die Reichen 
ein. Ein volles Verständnis ergiebt sich nur aus der Vereinigung beider Berichte: Tiberius 
lässt wieder das Gesetz verlesen; Octavius gebietet dem Schreiber Schweigen; trotzdem 
und trotz des Widerspruches der anderen Collegen will Tiberius zur Abstimmung schreiten"), 
die Gegner aber machen diesen gewaltsamen Versuch faktisch unmöglich durch die Weg- 
nahme der Losungsurne 100 ). 

m ) Der Einfluss der moralischen Richtung Plutarchs an diesem Punkte wurde schon hervorgehoben. 

97 ) Schmidt (a. a. 0. S. 10) zeigt mit guten Gründen die Unwahrscheinlichkeit der ganzen Ver- 
handlungen. 

<J8 ) Mit Unrecht Übersicht Schmidt (a. a. 0. S. 11) diesen wesentlichen Unterschied der beiden 
Stellen. Ranke (a. a. 0.) III. 2. S. 215 zählt diese abweichende Darstellung der Absetzung des Octavius 
zu den wichtigsten Differenzen zwischen Plutarch und Appian. 

") Dass dies vorkam, beweist auet. ad Herennium I. 12. 21 ; vgl. Becker — M. Rom. Alt. II. 3.S. 131. 

10 °) Die v6qiul Plutarchs sind wohl als die Losungsurne (sitella, urna) aufzufassen, welche zu 
der jeder Abstimmung vorausgehenden Auslosung der zuerst stimmenden Tribus diente. Da der Vorsitzende 



XX VT 

Der Grund aber, welcher diese Verstümmelung der ganzen Stelle bei Plutarcb 

veranlasste, liegt klar zu Tage: es ist die Tendenz, den Tiberins persönlich von. aller 
Schuld 'an den mit seinem Vorgehen verbundenen Gewalttätigkeiten rein zu waschen 
und dieselbe seinen Gegnern zuzuschieben. Dieser Tendenz gemäss durfte nicht Gracchus 
den Anlass zu der Unordnung durch den ersten ungesetzlichen Schritt geben, durften auch 
nicht die Tribunen selbst uneins erscheinen; von den Reichen musste vielmehr die ge- 
waltsame Störung ausgehen. Es zeigt sich aber hier sogleich bei der ersten Abweichung 
in einem einzelnen Punkte unsere Behauptung von der Verschiedenheit der Quellen unserer 
Autoren bestätigt 101 ). Daraus ergiebt sich weiter, dass bei diesen die teilweise Überein- 
stimmung im Wortlaute an dieser Stelle eine zufällige sein muss t0 ') und überhaupt nur 
mit grosser Vorsicht zum Beweise einer gemeinsamen Quelle herangezogen werden darf. 
Den Tumult legen bei beiden die Senatoren bei, indem sie den Tiberius veran- 
lassen, dem Senate die Entscheidung des Streites anheimzugeben. Die Folge der Nutz- 
losigkeit dieses Schrittes ist bei beiden der Entschluss, den Octavius abzusetzen. Aber 
während Tiberius bei Appian (cap. 12) diese Rogation neben der agrarischen ;einfach für 
die folgende Versammlung ankündigt, ergeht er sich bei Plutarcb zuerst wieder in nutz- 
losen Bitten, lässt er sich seinem Gegner gegenüber sogar zu dem entweder heuchlerischen 
oder überhaupt den Einst seiner Absichten verdächtigenden Vorschlage verleiten, über seine 
eigene Absetzung das Volk zuerst abstimmen zu lassen l03 ), und kündigt erst nach dessen 
Weigerung seine Rogation für den folgenden Tag an (cap. 12). Die nun folgende Ver- 
sammlung giebt bei beiden die Entscheidung, aber auf verschiedene Weise. Bei Plutarch 
schickt Tiberius der Abstimmung noch einen Überredungsversuch voraus, die tagelangen 
vergeblichen Unterhandlungen haben ihn von der voraussichtlichen Erfolglosigkeit desselben 
noch nicht überzeugt; bei Appian ordnet er dagegen gleich die Abstimmung an 104 ), welche 



die Abstimmung- begann, indem er sitellam deferebat, so war die Wegnahme dieser das einfachste Mittel, 
jene zu verhindern. (Vgl. Becker — M. a. a. 0. II, 3 S. 131 Anmerk. 427 und S. 100 Anmcrk. 419. 
Lange: Rom. Alt. II. 419.) Der Plural erklärt sich wohl aus einer Verwechslung der Losungsurnen mit 
den Stimmurnen. 

101 ) Ranke III. 2. S. 216 sagt im Anschluss an unsere Stelle: ..Man kann aus alledem nichts 
anderes schliessen, als dass die beiden Autoren verschiedene Relationen vor sich hatten, von denen die eine, 
die bei Appian vorliegt, kürzer und sachlicher gehalten war, die andere dagegen biographisch und auf die 
Verherrlichung des Tiberius Gracchus berechnet." 

,02 ) Schmidt legt derselben zu viel Gewicht bei. wenn er mit Rücksicht auf sie hier eine gc- 
meinsame Quelle annimmt. (8. 11.) 

,03 ) Ranke III. 2. 216 hält diesen Schritt für unwahrscheinlich. Tiberius muss eben wieder 
hochherzig erscheinen. 

l04 ) Dass gegen diese Rogation des Tiberius keine Intercession eingelegt wurde, erklärt Mommsen 
daran-. da<;> bei den Volkstribunen gegen Amtsentziehung in gleicher Weise wie gegen Amtsübertragung 



xxvn 

er dann allerdings auch bei diesem durch eine letzte eindringliche Bitte unterbricht, bevor 
die 18. Tribus ihre Stimme abgiebt. Aber während nun Oetavius bei Plutarch anfängt zu 
schwanken und schliesslich nur aus Furcht vor den anwesenden Reichen'" 5 ) zum ferneren 
Widerstände ermutigt und gedrängt wird, verharrt er bei Appian einfach in der Opposition. 
Dann erfolgt bei beiden seine Absetzung. Hei Appian entfernt er sich dann heimlich aus 
der Versammlung, Mummius tritt an seine Stelle,' die Tribus nehmen die Rogation des 
Tiberius an und erwählen die triumv. agr. div. 106 ). Bei Plutarch entsteht um den ab- 
gesetzten Tribunen erst ein grosser Tumult, bei welchem er natürlich nur durch Tiberius 
gegen das aufgebrachte Volk geschützt wird. Dann erst denkt man an das Ackergesetz 
und die Wahl der Triumvirn. Die Ergänzung der Tribunen vollzieht später Tiberius 
selbst durch die Ernennung des Libertinen Mucius. Hier erscheint die Darstellung 
Appians wieder als die einfachere und seine Reihenfolge der Thatsachen als die natürliche. 
Plutarch hat wieder ausgeschmückt, die Ereignisse durcheinander geworfen und besonders, 
wohl durch die missverständliche Auffassung des lateinischen Textes seiner Quelle, sich 
zu dem Irrtum verleiten lassen, als ob Tiberius selbst den neuen Tribunen ernannt hätte, 
indem er übersah, dass man „creare" nicht bloss von der wählenden Versammlung, sondern 
mit Beziehung auf die die Wahl erst vervollständigende Renuntiation auch von dem Vor- 
sitzenden gebrauchte 107 ). — Dürften hiermit die Abweichungen bei Appian und Plutarch 
eine genügende Erklärung gefunden haben, so bedarf noch ein Punkt der Besprechung, 



Intercession gesetzlich nicht zulässig war. (Eöm. Staatsrecht I. S. 232 Anmerk. 3.) Demgegenüber ist die 
Annahme Ihne's (a. a. 0. S. 44), Oetavius habe nicht intercediert, weil er vermutlich den ungesetzlichen 
Akt nicht habe anerkennen wollen, wohl nicht haltbar. Das war ja der Zweck der Intercession, irgend einen 
Akt als rechtlich nicht bestehend zu bezeichnen. Was Lau (Die Gracchen und ihre Zeit, Hamburg 1854 
S. 163 usf.) von der in dieser Zulassung liegenden Anerkennung der Souverainetät des Volkes sagt, klingt 
zu pathetisch. 

105 ) Auf diese muss wieder ein Makel fallen. 

106 ) Bei Vell. Pat. II. 2 ist wohl statt: coloniisque deducendis zu lesen: colonisque dedu- 
cendis. Vielleicht liegt hier aber auch eine Verwechslung mit C. Gracchus vor. Eine solche ist auch 
unzweifelhaft in der nur bei Vell. sich findenden Nachricht enthalten, dass Tiberius den Italikern das 
Bürgerrecht versprochen habe. Überhaupt unterschied Vell. die Keformen der beiden Brüder nicht genau; von 
dem Ackergesetze des Tiberius scheint er nur eine ganz unbestimmte Vorstellung gehabt zu haben, denn 
von diesem spricht er nur in der unbestimmten Wendung: „legibus agrariis promulgatis"; dagegen berichtet 
er von Cajus (cap. 6. 3): dividebat agros, vetabat quemquam civem plus quingentis iugenbus habere, quod 
aliquando lege Licinia cautum erat. Die blosse Erneuerung des Ackergesotzes des altern Bruders fand 
nicht wohl ihren Ausdruck in dem beziehungslosen vetabat und einem kundigen Berichterstatter hätte in 
dieser Vorbindung näher gelogen, sich auf die lex Sempr. als auf die lex Lic. zu beziehen. 

107 ) Becker -31. a. a. 0. IL 3. S. 111 Anmerk. 443. Lange a. a. 0. S. 426 Übrigens war 
Cooptation nicht einmal zulässig. (Mommsen a. a. 0. S. 164.) 



XXVIII 

in dem beide übereinstimmen: der Vorgang der Abstimmung bei der Absetzung des 
Octavius. Die beiden gemeinsame Bemerkung in betreif jener letzten Bitte des Tiberius 
au seinen Gegner setzt offenbar das successive Abstimmen der Tribus voraus und wider- 
spricht also dem für die Tributkomitien geltenden Rechte, dass nach dem Principium alle 
übrigen Tribus zu gleicher Zeit abstimmten 108 ). Die neueren Darstellungen 109 ) dieses Vor- 
ganges sind meistens, ohne Anstoss hieran zu nehmen, unseren Autoren gefolgt. Wenig befriedigt 
auch die Annahme einer bei diesen vorliegenden irrtümlichen Verwechslung der Ab- 
stimmung mit der Renuntiation derselben 110 ). Denn bei dieser Annahme müsste man 
die Worte Appians: awö^ufiovotov ig tu avre tujv tiqotsqcov mraxaidexa .... snfjys tt\v iprjrpov 
(der 18. Tribus) auf eine lateinische Vorlage zurückführen, die etwa den Sinn hatte: Nach- 
dem die ersten 17 Tribus renuutiiert waren und sich gegen den Octavius erklärt hatten, 
forderte er zur Renuntiation der 18. auf. Dies aber verbietet der Zusatz an jener Stelle: 
avv oQyj, Diesen konnte der supponierte lateinische Text nicht enthalten, weil man von 
einer ovv opytj stattfindenden Renuntiation der ersten 17 Tribus nicht sprechen kann. So 
würde jene Annahme eines Missverständnisses zu dem Vorwurf einer ganz willkürlichen 
Ausschmückung bei Appian tühren, zu dem unsere bisherigen Ergebnisse uns nicht zu 
berechtigen scheinen. Es bleibt also nichts anderes übrig, als eine successive Abstimmung 
der Tribus bei dieser Gelegenheit anzunehmen. Konnte Tiberius nicht die Hoffnung hegen, 
dass die langsam sich vollziehende und für ihn sich aussprechende Abstimmung den 
Octavius zu freiwilliger Abdankung veranlassen und die immerhin bedenkliche Vollziehung 
seiner Absetzung unnötig machen würde? Übrigens finden sich auch bei römischen Schrift- 
stellern ähnliche Darstellungen m ). 

Was das Ackergesetz selbst betrifft, so werden wir mit Rücksicht auf die bereits 
vorliegenden umfangreichen Erörterungen über die politische Wirksamkeit des Tiberius 
uns darauf beschränken, die aus unserer Untersuchung in dieser Hinsicht sich ergebenden 
Gesichtspunkte am Schlüsse kurz zusammenzufassen. 

In dem nun Folgenden ist Plutarch wieder viel ausführlicher. Appian geht sofort 
über zu den Tribunatkomitien für das folgende Jahr, nachdem er kurz die Rückkehr der plebs 
rustica auf das Land zum Zwecke der Ernte erwähnt hat. Für den Gewährsmann des Plutarch 
existiert diese nicht; er hält uns in der Stadt zurück und berichtet uns von den Schwierig- 
keiten, welche in kleinlicher Weise die Optimaten dem Tiberius bei der Äckerverteilung 



108 ) Becker -M. a. a. 0. S. 132. 

J09 ) Hegewisch: Gesch. der Gracch. Unruhen S. 44. Heeren a. a. 0. S. 77. Peter: Gesch. 



Roms II. S. 15. (in. Aufl.) Ihne V. S. 44. Kanke II. 2. 22. 

no ) Becker-M. IL 3. S. 134. Lange a. a. 0. III. 12. 

IU J Val. Max. VIII. 1. 7. Ascon. in Com. (Orelli V. _' p. 71.) 



XXIX 

bereiten; giebt ferner In der Erzählung von dein unter verdächtigen Urnständen ein- 
tretenden Tode eines Anhängers des Gracchus und dem sich daran knüpfenden Verdachte 
einer Vergiftung ein recht anschauliches Bild von einer fieberhaft aufgeregten, skandal- 
süchtigen Menge, unter der ein jedenfalls ganz einfacher Vorgang in der abenteuerlichsten 
Weise umgestaltet verbreitet wurde. Daran schliessen sich die semprouischen Rogationen 
in betreff der pergarnenischen Erbschaft, die Angriffe der Senatoren Pompejus, Metellus 
und Annius gegen Tiberius, die Rede, mit der dieser gegen letztern die Absetzung des 
Octavius rechfertigt, endlich die weiteren, seine Wiederwahl bezweckenden Rogationen. 
Wir stehen hier vor der Frage, ob jene Rede echt sei. Für ihre Echtheit ist es keine 
unbedingt nötige Voraussetzung, dass die erstgenannten Rogationen, ihre angebliche Veranlas- 
sung, geschichtlich sind. Denn es kann ja sicher nicht an Anlässen gefehlt haben, die dem 
Tiberius die Notwendigkeit auferlegten, jenen ganz exorbitanten Schritt zu rechtfertigen. 
Was zunächst die übrigen Quellen betrifft, so wird eine Bestätigung oder Widerlegung 
dem Flutarch von keiner Seite zu teil. Nur die Möglichkeit, dass er Reden des Tiberius 
kannte, wird durch Zeugnisse aus dem Altertum bewiesen 112 ). Andererseits aber müssen 
wir auch wieder daraufhinweisen, dass Tiberius sich frühzeitig unter den den Rhetoren 
geläufigen Paradigmen zur Illustration ihrer Vorträge befand 113 ). Giebt so einen Massstab 
für die Beurteilung der Rede uns allein der Charakter derselben, so ist vorauszusetzen, 
dass bei dieser alleinigen Möglichkeit subjektiver Begründung die Ansichten verschieden sein 
werden 114 ). Wir müssen nun zunächst, ohne hierauf gerade viel Gewicht zu legen, verneinen, 
dass die Rede sach gemäss sei. Die Parallelen 115 ), welche dieselbe enthält, sind durch- 



lla ) Cic. Brut. 27. 103. Plin. hist. nat. XIII. 12. 

11 3 ) Vgl. Anmerk. 95. 

,u ) Schmidt S. 13 hält sie ihrem Inhalte nach für echt; Nitsch S. 317 sieht in derselben 
..die ältesten und schwierigsten Grundsätze des Staatsrechts populär behandelt; allein dies entspricht seiner 
überaus günstigen Beurteilung des Tiberius überhaupt, der nach ihm auch, als er den Octavius absetzte, 
sich entschloss, den Zwiespalt auf gesetzlichem Wege zu lösen." Auch Niebuhr Vorträge u. s. w. II. S. 272 
sucht die Absetzung als gerechtfertigt hinzustellen. Mommsen Köm. Gesch. II, 93 bezeichnet sie als un- 
würdige Sophistik; ebenso urteilt Ihne a. a. 0. S. 44: „Sollten wir nach dieser die staatsmännische Weisheit 
des Tiberius bemessen, so würde er in unserer Achtung nicht gerade hoch stehen; denn was er zu seiner 
Verteidigung vorbringt, ist nichts als eine Reihe Sophismen." 

115 ) Einen Volkstribunen, heisst es unter anderem (Tib. 15), der das Capitol niederreissen oder 
die Schiffswerfte anzünden wolle, halte man doch nicht für unverletzlich, und doch sei dieser nicht so 
schlimm als einer, der die Sache des Volkes verrate. Einem Volkstribunen ferner solle es erlaubt sein, den 
Consul in das Gefängnis zu werfen, und das Volk solle nicht einen Tribunen absetzen können, wenn er sein 
Amt zu seinem Nachteile verwalte? Wie solle ein Volkstribun unverletzlich sein, wenn man sogar die Könige 
vertrieben habe, wenn man das Heiligste, die Vestalinnen lebendig begrabe, wenn sie gefehlt hätten; wenn 
man sogar dio Weihgeschenke der Götter nach Gutdünken verwende? 



XXX 

aus anzutreffend und konnten auch nicht einmal bei der Menge den Schein der Gesetz 
lichkeit 118 ) seines Vorgehens erwecken. Über den Nachweis der Notwendigkeit 
desselben konnte Tiberins nicht hinausgehen, ohne das Gegenteil der beabsichtigten Wir- 
kung zu erzielen. Allein wir kennen seioe rednerische Begabung zu wenig, um diesen 
geringen sachlichen Gehalt der Rede als Beweis gegen ihre Echtheit anzusehen. Dieser 
scheint uns indes in einer andern Seite derselben zu liegen: sie ist innerlich unhaltbar 
und trägt einen zu demagogischen Charakter. Der ganze Zweck derselben ist eine 
Verherrlichung der Menge; ihr Anfang und ihr Ende ist das souveräne Volk, zwischen 
seinem Interesse und dem allgemeinen Wohle gibt es keinen Unterschied ; der Volks- 
tribun ist nur da, um seine Launen auszuführen, widersetzt er sich seinem Willen, so kann 
er auf den Besitz und die Vorrechte seines Amtes weniger Anspruch erheben, als wenn 
er das Capitol verwüstete. Nehmen wir hinzu, dass das Befinden darüber, wann dieser 
Fall eingetreten sei, natürlich nur wieder dem Volke zusteht, so haben wir Grundsätze 
vor uns, welche jede auf einer gesetzlich bestimmten und gesicherten Stellung des Beamten- 
tums beruhende staatliche Verwaltung unmöglich machen. Diese bewusste Etablierung 
der Ochlokratie wird man nicht dem conservativ gesinnten Manne zuschreiben dürfen, der 
sich zur Lebensaufgabe die Verwirklichung der speeifisch staatserhaltenden Idee gemacht 
hatte, dem bedrohten Staatswesen in der Neubegründung eines freien Bauernstandes die 
langbewährten Stützen patriarchalischer Einfachheit und aufopferungsfähiger Anhänglich- 
keit an die rura paterna wiederzugewinnen. Die innere Unhaltbarkeit der Rede zeigt 
sich in ihrer Auffassung des Volkstribunats. Dasselbe diente schon längst nicht mehr 
ausschliesslich oder auch nur vorherrschend dem Interesse der Plebs; dasselbe war 
vielmehr ein Werkzeug des Senates geworden, das Intercessionsrecht der Tribunen war 
längst das vornehmste Bollwerk seiner Machtstellung. Würde also jene Deduktion des 
sAvriQ änslv dwarokuToc" (App. 9) für seine Zuhörer überhaupt überraschend und un- 
verständlich gewesen sein, so erscheint sie in dem berichteten Zusammenhange 
geradezu als absurd. Man vergegenwärtige sich die Situation! Tiberius ist im Senate 
heftig angegriffen worden, ein Senator und Consular hat ihn mit einer Sponsio bedroht; 
weshalb? Die Rede giebt die Antwort: Weil er die Gegner eben jenes Senates eines 
Führers beraubt, weil er einem Manne das Amt entrissen hat, das ihm zum ausschliess- 
lichen Kampfe eben gegen jenen Senat übertragen war. — Die Rede kann also nicht 
echt sein ; andererseits spricht ihr Inhalt auch gegen Plutarch als Verfasser. Übrigens 
bleibt den Vermutungen über ihren Ursprung der weiteste Spielraum. 

Es folgt nun in beiden Berichten die Erzählung seiner Bemühungen um das zweite 
Tribunat und seiner Ermordung. Aber im einzelnen walten wieder die entschiedensten 



116 j Im einzelnen nachgewiesen bei Ihne S. 53. Die rechtfertigenden Erläuterungen bei Xitsch 
a. a. 0. sind verfehlt. 



XXXI 

Widersprüche ob. Bei Plutarch ist in der ersten Wahlversammlung nicht das ganze Volk 
erschienen, und dem Tiberins droht eine Niederlage; daher füllen seine Freunde zuerst 
durch Schmähungen gegen die Collegen die Zeit aus 117 ) und entlassen dann die Versamm- 
lung. Bei Appian hat Tiberins Aussicht gewählt zu werden, da die erste Tribus für ihn 
stimmt. Da treten die Gegner auf mit der Behauptung, dass seine Wiederwahl nicht ge- 
setzlich sei; der Vorsitzende steht von der weiteren Abstimmung ab, indem er die Leitung 
der Versammlung einem anderen überträgt. Dagegen erheben sieh die übrigen Tribunen 118 ) 
und verlangen eine neue Losung um den Vorsitz 11 "). Bei dem folgenden Streite unter- 
liegt Tiberius und verschiebt die Versammlung auf den folgende)) Tag. Der Gegensatz 12 °) 
in diesen beiden Darstellungen zeigt sich in der Beantwortung der Frage: Wodurch unter- 
lag Tiberius? Nach dem Berichte Appians durch den Widerstand seiner Collegen, nach 
dem Plutarchs durch die Abstimmung des Volkes 121 ). Der letztere ist wieder nicht zu 
halten; er ist unbestimmt und unklar und zerstört den innern Zusammenbang. Tiberius 
hat versprochen, den Tribus eine Mitbestimmung über die Verwaltung der Provinzen zu 
verschaffen, unter das arme Volk den Schatz eines asiatischen Königs zu verteilen, die 
Dienstzeit zu verkürzen; ja er will dem verhassten Senate die Rechtspflege teilweise ent- 
reissen 123 ). Und das Volk — lehnt alles ab, indem es nicht in den Wahlkomitien erscheint. 
Endlich findet der einzige Punkt, in dem beide Darstellungen übereinstimmen, also wohl 
eine authentische Quelle wiedergeben, nämlich der Zwist unter den Tribunen eine ge- 
nügende Erklärung nur bei Appian. Wir haben hier bei Plutarch wieder dieselbe Er- 
scheinung, wie bei dem Berichte über die Absetzung des Octavius: die Uneinigkeit unter 

117 ) Sie konnten ja den Umstand, dass alle Volksversammlungen mit Sonnenuntergang schlössen, 
dazu benutzen, die Abstimmung für den Tag zu vereiteln. Vgl. Becker -M. S. 113 Annierk. 454. 

u8 ) Man hat hier nur an Drohungen zu denken, da Intercession gegen die Wahl der Tribunen 
nicht statthaft war. Vgl. Mommsen: Rom. Staatsr. I. S. 232. Lange e. a. 0. I. 604. 

119 ) Vgl. Liv. III. 04. (Lange a. a. 0. I. S. 599.) 

120 ) Schmidt S. 14 findet hier auffallender Weise nicht einmal einen Unterschied. 

m ) Bijvanck a. a. 0. S. 23 leugnet mit Unrecht diesen Gegensatz. Er meint, Plutarch sei es 
nur auf die Thatsache der Niederlage des Tiberius angekommen und er habe den unbestimmten Ausdruck 
gebraucht: rrjg \pr\yov (fSQo/ntvrjg jjodvvTO tovq svuvriovq xoarovvTag, obwohl aus den folgenden 
WorteD : big ßka0(p7nuiag Tounof-tsvoi nov övvayyövTiov hervorgehe, dass der Widerstand der Tribunen 
und nicht die Abstimmung des Volkes die Wiederwahl des Tiberius verhindert habe. Diese Interpretation 
ist unrichtig; denn xr\g xp^fpov ffSQOiievyg ist kein unbestimmter Ausdruck, die Worte können sich nicht, 
wie jene will, auf einen bei der Wahl entstehenden Zwist der Tribunen, sondern nur auf jene selbst beziehen; 
ferner aber begründet Plut. die voraussichtliche Niederlage des Tiberius ausdrücklich mit der teilweisen 
Abwesenheit des Volkes (ov ydq naor\v unug 6 drjjnoc). Diese beiden Punkte, von denen Bijv. den 
letzten allerdings gar nicht berührt, lassen nur die oben gegebene Erkläruug der Worte Plutarchs zu und 
ti mit schlagender Klarheit ihre Unvereinbarkeit mit Appian. 
12? ) Plut. Tib. cap. 14. 15. 16. 



XXXII 

den Tribunen versteht sein Gewährsmann nicht oder will er wenigstens nicht ausdrücklich 
anerkennen. Wenn nun selbst bei dieser Auffassung die Vorwürfe des Tibcrius gegen 
seine Collegen nicht verschwiegen werden, so ist das in doppelter Weise ein Beweis für 
die Glaubwürdigkeit Appians. Aber in einem einzelnen Punkte scheint auch diesen hier 
sein Streben nach kurzer Ausdrucksweise zu einer Unrichtigkeit verführt zu haben, wenn 
er nämlich erzählt, Tiberius, der bei der Versammlung doch den Vorsitz nicht führte, habe 
die Abstimmung aufgeschoben. Unhaltbar ist die Annahme, Appian habe hier die Er- 
zählung des Plutarch von der durch ihn und seine Freunde absichtlich veranlassten Ver- 
hinderung der Wahl in jenen kurzen, aber schiefen Ausdruck zusammengefasst 123 ). Denn 
Gracchus konnte kein Interesse daran haben, dass eine für ihn voraussichtlich günstige 
Abstimmung nicht zu Ende geführt wurde. — Wir berühren im folgenden nur noch einen 
DifTereuzpunkt 1 - 4 ). In dem Berichte über die letzte Versammlung gehen unsere Autoren 
von einer fundamental entgegengesetzten Auffassung aus, indem bei Appian von Tiberius, 
bei Plutarch von den Senatoren die Initiative zur gewaltsamen Lösung des Confliktes er- 
griffen wird. Zur Feststellung des Thatsächlichen müssen wir von der einzigen, beiden 
Berichten gemeinsamen Thatsache als festem Punkte ausgehen; das ist jene verhängnis- 
volle Handbewegung des Tiberius, welche bei Appian seinen Anhängern das verabredete 
Zeichen zum Losschlagen ist, bei Plutarch, falsch gedeutet, seine Gegner zu dem 
Angriffe veranlasst. Dieselbe ist in Plutarchs Darstellung unverständlich und mit der- 
selben nicht vereinbar. Zu dem Angriffe des Senates verhält sie sich als Ursache und 
Wirkung zu gleicher Zeit: Cap. 18 berichtet Flaecus bereits in der grössten Hast von den 
Rüstungen und dem Beschlüsse des Senates, den Tiberius zu töten, und veranlasst dadurch 
diesen zu jener Handbewegung. Aber eben diese ist es dann wieder, die im Senate als 
Forderung des Diadems gedeutet, den Angriff der Optimaten erst provociert. Und sollte 
dieselbe ohne vorherige Verabredung den Anhängern gleich verständlich gewesen sein? 1 ''") 
Als ob es eines solchen Zeichens überhaupt noch bedurft hätte, nachdem die Umgebung 
des Gefährdeten bereits die gewiss nicht ohne grosses Aufsehen zu ermöglichende Be- 
waffnung mit zerschlagenen Bänken vorgenommen hatte. Endlich aber machen die Ver- 
handlungen im Senate, welche der Meldung jenes Zeichens folgen, nicht im geringsten 
den Kindruck, als ob sie sich auf die Abwehr einer drohenden Tyrannis bezögen ; sie 
lassen als Gegenstand der Beratung eben nur die Frage vermuten, in der nach Appian 

12:! ) Bijvanck legt mit dieser Annahme dem Tiberius diese unmögliche Handlungsweise bei und 
brägl in den Bericht Plutarchs einen neuen Widerspruch, indem er seine Auffassung desselben vereinbar 
findet mit dieser absichtlichen Störung der Wahl durch Tiberius. 

' ' Im einzelnen verweisen wir wegen Mangels an Raum auf die hierher gehörigen Ausführungen 
bei Bijvanck, ohne indes in allen Punkten mit ihm einverstanden zu sein. 

'') Aiut. «le vir. ill. 64 beseitigt diese Unwahrscheinlichkeit, indem er das Zeichen ein ver- 
abredetes sein läset. 



XXXIII 

der Gegensatz damals zum Ausdruck kam, ob die Wiederwahl des Tiberius gesetzlich sei 
und wie zu verhindern '"). Der Consul lehnt ein gewaltsames Vorgehen ab mit der Be- 
merkung, dass er ungesetzliche Beschlüsse des Volkes nicht als gültig anerkennen 
werde. Und selbst nicht einmal zu ihrer Rechtfertigung haben die Mörder des Tiberius 
damals auf die durch sie glücklich beseitigte Gefahr des Tyrannis hingewiesen. Denn 
als die Senatoren später von den Tribunen in der Volksversammlung zur Verantwortung- 
gezogen wurden, fand sich ausser Masica keiner, der dieselbe übernehmen wollte, und 
selbst dieser, dem doch daran liegen musste, durch die stärksten Mittel zu wirken, denkt 
nicht an den so naheliegenden und gewiss effectvollen rhetorischen Kunstgriff, die Er- 
innerung an jene Scene, wo der Erschlagene offenbar das Diadem gefordert habe, wach- 
zurufen und durch das Gespenst der Tyrannis die Wut des Volkes zu beschwichtigen 187 ). 
Wir müssen also ausdrücklich hervorheben, dass den Zeitgenossen des Tiberius der Ver- 
dacht, er strebe nach der Alleinherrschaft, fremd war 128 ). 

Appians Darstellung ist auch hier wieder im allgemeinen zu halten. Wenn er 
den Tiberius vor der zweiten Wahlversammlung sich auf das Ausserste vorbereiten lässt, 
so entspricht das der ganzen Situation. Denn auf eine friedliche Beseitigung des Wider- 
standes der Optimaten konnte dieser nicht mehr hoffen; seine Vorbereitung zum Kampfe war 
lediglich Ausfluss dieser Überzeugung. Und so ist es auch natürlich, dass er vor dem 
Äussersten nicht zurückschreckte, als er die Eventualität verwirklicht sab, für die er seine 
Massregeln getroffen hatte. Er that jetzt im wesentlichen nichts Anderes, als damals, 
da er die Opposition des Octavius durch dessen Absetzung brach. Nur wurde sein jetziger 
Schritt durch die Verhältnisse, welche er selbst geschaffen hatte, energischer gefordert. 
Tiberius war unbewusst, ohne es zu wollen, Demagoge geworden, weil er die Kunst einer 
friedlichen Agitation nicht kannte 1?J ). Er stand eben in den Jahren des schnellen Handelns ; 
das Blut, welches in seinen Adern pulsierte, war das derScipionen; er war aufgwachsen in 



1 " ; ) Selbst Cicero lässt als Ursache seiner Ermordung seine Bewerbung um das zweite Tribunat 
gelten. Cat. IV. 2.) 

l27 ) Diod. a. a. 0. 

128 l Wir können die Legende von der Tyrannis des Tiberius in den verschiedenen Stadien ihrer 
Entwicklung verfolgen: In der Quelle des Plutarch tritt sie in der bescheidenen Form eines falschen 
Gerüchtes auf; bei Sallust (lug. 31) erscheint sie als die Meinung der Zeitgenossen und bei Cicero 
als die geltende geschichtliche Tradition (Lael. 12. 41, Brut. 58. 212); bald sind die revo- 
lutionären Bestrebungen der Gracchen spruchwörtlich. (luv. Sat. II. 24.) 

l ") Er strebte unbewusst der Alleinherrschaft zu. Denn die stete Continuation des Tribunats 
schloss diese in der That ein. Cäsar sicherte seine Herrschaft durch die lebenslängliche Übernahme der 
trib. potestas, und auch Augustus betrachtete diese als Schlussstein seiner monarchischen Gewalt. (Vgl- 
Lange I. 612.) 



XXXIV 

den unbeugsamen Grundsätzen der Stoa und unter der speziellen Leitung eines Weibes, 
dessen sehnlichster Wunsch dahin ging, Mutter dw Gracchen zu heissen. 

Wir fanden in diesem Teile der Untersuchung bei unsern Autoren neben einer 
nur auf die Grundzüge der Darstellung sieh beziehenden Übereinstimmung im einzelnen 
die mannigfaltigsten Differenzen. Einzelnes findet sich bloss in der Aufzeichnung des 
einen, in anderem zeigt sich eine Verschiedenheit der Auffassung ohne eigentlich direkt 
ausgesprochenen Gegensatz, und auch an Widersprüchen fehlt es nicht. In allen Punkten 
aber, in denen die beiden Berichte sich nicht deckten, musste der Plutarchs zurückstehen: 
in einzelnen derselben war er sehr viel unvollständiger, in anderen unhaltbar. Bei Appian 
dagegen waren nur in ein paar unwesentlichen Punkten Mängel und Unrichtigkeiten zu 
rügen. Auch aus diesen Thatsachen folgt wieder, dass die Quellen unserer Autoren 
verschieden sein müssen und dass Appians' Bericht bei weitem der wertvollere ist. 

So berechtigen endlich die Ergebnisse der verschiedenen Teile unserer Untersuchung 
uns zur Aufstellung des Grundsatzes, dass man bei der Darstellung der politischen Wirk- 
samkeit des Tib. Gracchus und bei der Entscheidung über die in dieser Hinsicht bestehenden 
Differenzen an den ausdrücklichen Angaben Appians festzuhalten, dagegen die Richtigkeit 
dessen, was über diese hinaus von anderen überliefert wird, zu bezweifeln habe. Demnach 
muss man die Gesetze, welche ausser dem agrarischen von Plutarch dem Tiberius bei- 
gelegt werden, auf blosse Pläne und Entwürfe desselben zurückführen und bei der Fest- 
setzung der einzelnen Bestimmungen des Ackergesetzes die allerdings unvollständigen 
Angaben Appians als Grundlage betrachten, auf der man w r eiter zu bauen hat. — 



Schulnachrichten 

über 

das Schuljahr von Ostern 1882 bis dahin 1883. 



'■o3$©o. 



Allgemeine Lehrverfassung. 

Sexta. 

Ordinarius: Dr. I eurer. 

Katholische Religionslehre, 3 St. 

1. Religionslehre, 2 St. 

Unterricht über das Sakrament der Busse. Einübung der wichtigsten allgemein 
gebräuchlichen Gebete. Vom Ziel und Ende des Menschen, vom Glauben und 
seinen Eigenschaften. Erklärung der einzelnen Artikel des apostolischen Glaubens- 
bekenntnisses. Nach dem Katechismus für die Erzdiöcese Köln. 

2. Biblische Geschichte, 1 St. 

Aus der Geschichte des A. T. die Urgeschichte, die Geschichte der Patriarchen, 
die Gesetzgebung auf Sinai. Aus der Geschichte des N. T. die Geburt und Jugend- 
zeit des Herrn. Nach „Dr. Schusters Biblische Geschichte". — Bei Gelegenheit der 
grossen Kirchenfeste Belehrungen über das Kirchenjahr und seine Eintheilung. — 
Oberlehrer Dr. Degen. 

Evangelische Religionslehre, 3 St. 

Biblische Geschichte des A. T., I. Theil. (Nach dem bibl. Lesebuch von Schulz 
§§ 1 — 34.) Aus dem N. T. die Festgeschichten. Katechismus: Fragen 5—30. Bibel- 
sprüche, Psalmen und Kirchenlieder. — Religionslehrer cand. theol. Neudörffer. 

Israelitische Religionslehre, 1 St. 

Biblische Geschichte von der Schöpfung bis zur sinaitischen Offenbarung in Ver- 
bindung mit leichtfasslichen moralischen Erörterungen. — Religionslehrer Rabbiner 
Dr. Jaul us. 

Deutsch, 3 St. 

Nach Einübung der Regeln der Orthographie wurden im Anschluss an die Lehre 
vom einfachen Satze die einzelnen Redetheile durchgenommen; daneben regel- 
mässige Übungen im Lesen und Deklamiren. Alle acht Tage wurde ein Diktat, 
im Wintersemester abwechselnd ein Aufsatz zur Correctur eingereicht. — Der 
Ordinarius. 



Latein, 8 St 

ein Extemporfle _ Der SSSSÄLT" * W '"' C " t '" tli< " -1 *™ tt der 

Geschichte, 1 St. 

«Ä2! - ÄÄ35 g " '""•" " m,d - - 

Geographie, 2 St. 

*™thede i ^^ÄZÄT ** "* * 

Ordi n r^t Seme9ter: Ge ° grapbiC <leS BegierunUzirkTAae^. _ Der 
Naturbeschreibung-, 2 St. 

!">' W~ r Voot Uik ' ,- Die P «™W besonders die Blatte, 
Rechnen 5 8 T ^ ^^ ~ ° nStei »' im ,etete " ^rtal Hecking. 

Zeichnen, 2 St. 

«äss^-s as. E i e r,r unterrici,t - Li — 

Chören" PH i V? . " l " Z Samml «ng von vierstimmigen gemischten 

Stunde" wöd „t S znrT^ d t m *"**■*» Scludgottesdienste'war 
Boeckete« c£ ^nubung der Lieder und Psalmen aus „Dr. Degen und 

Turnen. Fre Übungen und Geräth-Turnen in wöchentlich 2 Stundeu. 

die ^hü t der Whis Sf ? ^ ind ' bi ' deten die U '^—btheilun, 
12 Riegen iÄ^-t^SÜ*!^ ^ AbtheÜUng iSt ' 



Quinta. 

Ordinarius: Im Sommerhalbjahr Dr. Schmitz 1., im Winterhalbjahr dlrimmendahl. 

Katholische Religionslehre, 2 St. 

Die Lehre von den Geboten im Allgemeinen und von den zehn Geboten Gottes 
und den fünf Kirchengeboten im Besondern. Von der Sünde und der Tugend. 
Nach dem Katechismus für die Erzdiözese Köln. 

Aus der biblischen Geschichte einzelne Lektionen über die Jugendgeschichte 
Jesu. Bei Gelegenheit der betreffenden Kirchenfeste Belehrungen über Stellung 
und Bedeutung der Feste sowie Erklärung einzelner kirchlichen Gebräuche. — 
Oberlehrer Dr. Degen. 
Evangelische Religionslehre, 2 St. 

Biblische Geschichte des A. T., II. Theil (nach Schulz §§ 31—69). Aus dem 
N.iT. : die Festgeschichten. Bibelsprüche, Psalmen und Kirchenlieder. — Neudörffer. 
Israelitische Religionslehre, 1 St. 

Biblische Geschichte in Verbindung mit Morallehre. Wiederholung des Pensums 
der Sexta. Von der sinaitischen Offenbaruug bis Samuel. Erläuterung verschie- 
dener Cultuseinrichtungen. — Religionslehrer Rabbiner Dr. Jaulus. 
Deutsch, 3 St. 

Nach Wiederholung der wichtigsten Regeln der Orthographie wurde die Satz- 
lehre bis zur Lehre vom zusammengesetzten Satze durchgenommen; daneben Ein- 
übung der wichtigsten Interpunktionsregeln. Zahlreiche Übungen im Lesen, 
Wiedererzählen und Deklamiren nach „Kehreins Lesebuch, untere Stufe". Wöchent- 
lich wurde abwechselnd ein Aufsatz und ein Diktat angefertigt. — Die Ordinarien. 
Latein, 7 St. 

Die regelmässige Formenlehre wurde wiederholt und beendet, die unregelmässige 
Formenlehre bis zu den unregelmässigen Verben der III. Conjugation durch- 
genommen. Übersetzen aus „Meirings Übungsbuch für die unteren Klassen", 1. 
Abth. und 2. Abth. bis § 72. Wöchentlich ein Pensum oder Extemporale. — Die 
Ordinarien. 
Französisch, 5 St. 

Die Aussprache, Deklination, Conjugation von avoir und etre, die Comparation, 
Zahlwörter und Pronomia nach dem Elementarbuch von Ploetz (Lect. 1 — 60). 
Wöchentlich ein Pensum oder Extemporale. — Dr. M eurer. 
Geschichte, 1 St. 

Biographische Darstellungen aus der alten und neuern Geschichte. — Dr. M eurer. 
Geographie, 2 St. 

Im Sommersemester: Geographie der fünf Welttheile. 
Im Wintersemester: Deutschland. — Dr. M eurer. 
Naturbeschreibung, 2 St. 

Im Sommersemester: Anfangsgründe der Botanik. 

Im Wintersemester: Allgemeines über die Wirbelthiere. Eintheilung der Säuge- 
thiere und Vögel. — Oberlehrer Prof. Dr. Foerster. 



Rechnen, 4 St, 

Nach einer gründlichen Wiederholung des Pensums der Sexta wurde die gemeine 
Bruchrechnung beendigt; dann wurde die Dezimalbruchrechnung einschliesslich der 
abgekürzten Rechnungsarten durchgenommen. — Onstein. 
Zeichnen, 2 St. 

Fortsetzung des Pensums der Sexta. — Salm. 
Schreiben, 2 St. — Offermanns. — Onstein. — Seulen. 
Gesang, 2 St. — Prof. Wenigmann. 
Turnen. Freiübungen und Geräth-Turnen in wöchentlich 2 Stunden. — Krick. 

Quarta, coetus i. 

Ordinarius: Krick. 

Katholische Religionslehre, 2 St. 

Nach Wiederholung der Glaubensartikel vom hl. Geiste und von der Kirche 
wurden die Lehren von der Gnade und den Gnadenmitteln eingehender behandelt. 
Die Lehre vom Gebete. Nach dem Katechismus für die Erzdiözese Köln. 

Ausserdem lernten die Schüler einzelne deutsche Kirchenlieder auswendig. Ge- 
legentlich wurden die kirchlichen Ceremonien erklärt. — Oberlehrer Dr. Degen. 

Evangelische Religionslehre, 2 St. 

Biblische Geschichte des N. T. (Schulz §§ 1—36). Das Kirchenjahr. Kirchen- 
lieder. — Neudörffer. 

Israelitische Religionslehre, 2 St. 

Biblische Geschichte in Verbindung mit Morallehre: Von David bis zur Auf- 
lösung des jüdischen Reiches. Wiederholung der ganzen biblischen Geschichte. 
Liturgie: Wichtige hebräische Gebetstücke wurden übersetzt und erläutert. — 
Religionslehrer Rabbiner Dr. Jaulus. 

Deutsch, 3 St. 

Lektüre prosaischer Musterstücke nach „Kehreins Lesebuch" I. Theil; Memo- 
rieren und Deklamations-Übungen; Elemente der Verslehre. Nach Wiederholung 
der neueren Orthographie wurde die Lehre vom einfachen Satze repetiert und der 
zusammengesetzte Satz und die Periode durchgenommen. Alle 14 Tage ein Auf- 
satz oder ein Extemporale. — Der Ordinarius. 

Latein, 7 St. 

Nachdem das Pensum der Sexta und Quinta repetiert, wurden die unregel- 
mässigen Verba und Anomala (Meiring Cap. 52—70) gelernt und durch mündliche 
und schriftliche Übersetzungen aus „Meirings Übungsbuch" II. Theil eingeübt. 
Lehre von den Adverbien, Präpositionen und Conjunctionen. Dann wurden die 
wichtigsten Regeln der Syntax, besonders die Lehre vom Accus, c. inf, vom Ge- 
brauch der Participien und vom Ablat. absol. durchgenommen. Einleitung in die 
Lektüre des Nepos. Wöchentlich ein Pensum oder Extemporale. — Der Ordinari us. 



Französisch, 5 St 

Nach einer eingehenden Repetition des Pensums der Quinta wurde die Lehre 
vom Pronom personnel und Participe passe (Ploetz Elementarbuch Lect. 72 — 84) 
durchgenommen; dann Lernen und Einübung der Verbes irreguliers durch mündliche 
und schriftliche Übersetzungen aus Ploetz' „Methodische Grammatik" Lect. 1—24. 
Auswahl aus llerrigs „Premieres lectures" Wöchentlich ein Pensum oder Extem- 
porale. — Der Ordinarius. 

Geschichte und Geographie, 3 St. 

Übersicht über die wichtigsten orientalischen Völker; die Geschichte der Griechen 
bis zum Tode Alexanders des Grossen und die der Römer bis zur Schlacht bei 
Aktium. In einer besonderen Stunde wurde die physikalische Geographie der 
alten Welt behandelt. — Dr. Spölgen. 

Geographie, 1 St. 

Elemente der mathematischen und physikalischen Geographie. Die ausser- 
europiüschen Welttheile nach ihrer Begrenzung und politischen Eintheilung. — 
Oberlehrer Prof. Dr. F o e r s t e r. 

Naturbeschreibung, 2 St. 

Im Sommersemester: Terminologie und Pflanzenbeschreibungen. 
Im Wintersemester: Die Organe des menschlichen Körpers verglichen mit denen 
der Wirbelthiere. Die Betrachtung der kaltblütigen Wirbelthiere. — Oberlehrer 
Prof. Dr. Fo erster. 

Geometrie, 2 St. 

Vorbegriffe. Die Lehre von den Winkeln und Parallelen. Dreiecksätze. Das 
Parallelogramm. Das Trapez. Fundamentalaufgaben. — Im I. und IL Tertial 
Oberlehrer Dr. Li eck. Im III. Tertial Dr. Pauls. 

Algebra, 2 St. 

Die Operationen mit Summen, Differenzen, Produkten und Quotienten. Heis 
§§ 1—25. — Im I. und II. Tertial Oberlehrer Dr. Li eck. Im III. Tertial Dr. Pauls. 

Rechnen, 1 St. 

Wiederholung des Pensums der Quinta. Die Dezimalbruchrechnung einschliess- 
lich der abgekürzten Rechnungsaiten. Kegel detri mit ganzen und gebrochenen 
Zahlen, Prozentrechnung, Kopfrechnen.— On stein, von Neujahr ab Dr. Pauls. 

Zeichnen, 2 St. 

Körperzeichnen. Zeichnen nach Modellen. Linear- und Projektionszeichnen. — 
Salm. 

Gesang, 2 St. — Prof. Wenigmann. 

Turnen. Freiübungen uud Geräth-Turnen in wöchentlich 2 Stunden. — Kr ick. 



Quarta, coetus n 

Ordinarius: Dr. Spölgen. 
Katholiche | 

Evangelische Religionslehre. Combinirt mit dem I. Coetus. 
Israelitische 

Deutsch, 3 St. Wie im Coetus I. 

Latein, 7 St. Wie im Coetus I. — Im Sommerhalbjahr Dr. Schmitz I.; im Winterhalb- 
jahr Grimmen da hl. 
Französisch, 5 St. Wie im Coetus I. — Schmitz II. 
Geschichte und Geographie. 3 St. Wie im Coetus I. 
Geographie, 1 St. Combinirt mit Coetus I. 
Naturbeschreibung, 2 St. Wie im Coetus I. 
Geometrie, 2 St. Wie im Coetus I. — Onstein. 
Algebra, 2 St. Wie im Coetus I. — Onsteiii. 
Rechnen, 1 St. Wie im Coetus I. — Onstein. 
Zeichnen, 2 St. Combinirt mit dem I. Coetus. 
Gesang, 2 St. — Prof. Wenig mann. 
Turnen. AVie Coetus I. — Kr ick. 

Unter-Tertia. 

Ordinarius: Onstein. 
Katholische Religionslehre, 2 St. 

Begriff und Grundlagen der Religion. Die übernatürliche Offenbarung und ihre 
Quellen. Der Glaube. Die Glaubenslehren von der göttlichen Dreifaltigkeit, sowie 
von der göttlichen Weltschöpfung. Die entgegengesetzten Irrlehren wurden inhalt- 
lich erwähnt, die kirchlichen Entscheidungen ebenfalls. Einzelne Hymnen wurden 
erklärt und auswendig gelernt. Nach Dubelmans Leitfaden, I. Theil. — Ober- 
lehrer Dr. Degen. 

Evangelische Religionslehre, 2 St. 

Bibelkunde des Neuen Testamentes, 1. Theil: die 4 Evangelien. Lektüre des 
Matthäusevangelium. Kirchenlieder. — N eudörffer. 

Israelitische Religionslehre, 2 St. 

Jüdische Geschichte und Literaturgeschichte: Von der Rückkehr der Juden aus 
dem babylonischen Exil bis zur Zerstörung Jerusalems durch Titus. Liturgie: 
Übersetzung und Erläuterung wichtiger hebräischer Gebetstücke. — Religionslehrer 
Rabbiner Dr. Jaulus. 

Deutsch, 3 St. 

Die Lehre vom Satze; Repetition der Lehre von der Interpunktion und Ortho- 
graphie besonders im Anschluss an die Correktur der dreiwöchentlichen schriftlichen 
Arbeiten. Einiges aus der Metrik. Lektüre und Erklärung von prosaischen 
Musterstücken und Gedichten, besonders leichteren Romanzen und Balladen. Die 
letzteren wurden meistens memorirt. — Greve. 



Latein, 6 St. 

Nachdem das Pensum der Quarta wiederholt, wurde die Lehre von der Üeber- 
einstimmung der Satatheile, von den Fragesätzen, vom Nominativ, Accusativ, Dativ 
und Genitiv (Meir. C. 82 — 90) durchgenommen und durch mündliche und schriftliche 
Übersetzung der entsprechenden Übungsstücke aus Meirings „Übungsbuch für 
mittlere Classen" eingeübt. — Wöchentlich ein Fensum oder Extemporale. 

Aus Com. Nepos wurde gelesen: Miltiades, Aristides, Themistoclcs, Cimon, 
Tansanias. — Lehre vom Hexameter und Pentameter und Übersetzung aus „Siebeiis 
Tirocinium" I. und III. Abschnitt. Memorieren zahlreicher Verse; Anfertigung 
deutscher Hexameter. — Krick. 

Französisch, 4 St. 

Nach Wiederholung der unregelmässigen Zeitwörter wurden aus Plötz' Schul- 
grammatik L. 24 bis L. 46 durchgenommen. Lektüre und Memorirübungen aus 
Herrigs „Premieres lectures." Synonyma. Diktate. Wöchentlich ein Pensum oder 
Extemporale. — Schmitz IL 

Englisch, 4 St. 

Einübung der Aussprache. Aus Plate's Elementarstufe wurden 50 Lektionen 
durchgenommen. Verschiedene Lesestücke wurden übersetzt und retrovertirt, 
einige memorirt. Wöchentlich ein Pensum, Extemporale oder Diktat. — Schmitz IL 

Geschichte und Geographie, 3 St. 

Die Deutsche Geschichte von den ältesten Zeiten bis zum 30jährigen Kriege. 
Mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte wurde die physikalische und poli- 
tische Geographie Europa's durchgenommen. — Dr. Spölgen. 

Geographie, 1 St. 

Die europäischen Staaten und deren Verfassungen, spezieller das deutsche Reich, 
seine Gliederung und provinzielle Eintheilung. — Oberlehrer Prof. Dr. Fo er st er. 
Naturbeschreibung, 2 St. 

Im Sommersemester: Die ßlüthenorgane in systematischer Beziehung. Das 
Linneische System. Bedeutung der Blüthenstände. Pflanzenbestimmungen. 

Im Wintersemester : Die Organe des menschlichen Körpers in weiterer Entwick- 
lung und Vergleichung mit den wirbellosen Thieren. Eintheilung der wirbellosen 
Thiere. — Oberlehrer Prof. Dr. Fo er st er. 
Geometrie, 2 St. 

Wiederholung des Quartapensums. Die Lehre vom Kreise, von den regulären 
Polygonen und von der Flächengleichheit geradliniger Figuren. Konstructions- 
aufgaben. — Der Ordinarius. 
Algebra, 2 St. 

Wiederholung des Quartapensums. Null und negative Zahlen. Theilbarkeit und 
Zerlegung von Zahlen und algebraischen Ausdrücken. Gleichungen ersten Grades 
mit einer Unbekannten; Potenz und Wurzelrechnung. — Der Ordinarius. 
Rechnen, 1 St. 

Wiederholung der gemeinen und Dezimalbruchrechnung. Dreisatz; allgemeine 
Rechnungen mit Prozenten; Zinsrechnung. — Der Ordinarius. 



8 

Zeichnen, 2 St. 

Fortsetzung des Projektionszeichnens. Zeichnen nach Vorlagen und Gyps. 
Zeichnen von Maschinenteilen nach Leblanc. — Salm. 
Gesang, 2 St. Prof. Wenigmann. 
Turnen. Freiübungen und Geräth-Turnen in wöchentlich 2 Stuuden. — Kr ick. 

Ober-Tertia. 

Ordinarius: Oberlehrer Prof. Dr. Förster. 

Katholische Religionslehre, 2 St. 

Die Glaubenssätze über den hl. Geist und seine Thätigkeit in der Gründung 
der Kirche und Fortsetzung des Erlösungswerkes durch dieselbe. Die Heiligung 
und Vollendung. Nach Dubelmann Leitfaden I. Einzelne Kirchenhymnen wurden 
erklärt und auswendig gelernt. — Oberlehrer Dr. Degen. 

Evangelische Religionslehre, 2 St. Combinirt mit Unter-Tertia. 

Israelitische Religionslehre, 2 St. Combinirt mit Unter-Tertia. 

Deutsch, 3 St. 

Repetition und weitere Ausführung der Lehre von der Interpunktion. Orthographie 
und vom Satze. Einiges aus der Metrik. — Lektüre und Erklärung von pro- 
saischen Musterstücken und Gedichten, mit besonderer Berücksichtigung der Tropen 
und Redefiguren. Die Gedichte wurden meistens memorirt. — Dreiwöchentlich 
eine schriftliche Arbeit. — Greve. 

Latein, 6 St. 

Repetition der Formenlehre. Die Lehre von den Casus und dem Gebrauche 
der Tempora. — Lektüre: im Sommersemester Nepos (Cimon, Lysander, Alcibiades, 
Phocion), im Wintersemester Caes. de bello Gall. 1. I. 1 — 40; ausgewählte Stücke 
aus „Siebeiis tirocinium." — Wöchentlich eine schriftliche Arbeit. — Greve. 

Französisch, 4 St. 

Repetition des Pensums der Untertertia. Lehre vom Gebrauche der Zeiten und 
Moden (Plötz, Schulgrammatik L. 46—55 inclus.) Synonymik. Wöchentlich 1 Stunde 
Lektüre aus den „Premieres lectures" von Herrig. Die gelesenen Stücke wurden 
zu llctrovertir- und Memorirübungen benutzt. Abwechselnd wöchentlich ein Pensum, 
Extemporale oder Diktat. — Dr. Spölgen. 

Englisch, 4 St. 

Repetition des Pensums der Untertertia. Plate's Elementarstufe wurde bis «u 
Ende durchgenommen. Sämmtliche Lesestücke wurden übersetzt und retrovertirt. 
Memorirübungen. Zahlreiche Diktate. Synonyma. Jede Woche ein Pensum oder 
Extemporale. — Schmitz II. 

Geschichte und Geographie, 3 St. 

Die deutsche Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der brandenburgisch - 
preussischen Geschichte vom Beginne des 30jährigen Krieges bis zum Jahre 1871. 
Der Einprägung der physikalischen und politischen Geographie Deutschlands wurde 
durchschnittlich wöchentlich eine Stunde gewidmet. — Dr. Spölgen. 



Geographie, 1 st. 

Die nordeuropäischen Reiche, Russland, England, Schweden-Norwegen, Dänemark. 
Die Süddonauländer mit Einschluss von Ungarn, ihre politische Eintheilung und 
Bedeutung. — Oberlehrer Prof. Dr. Foerster. 
Naturbeschreibung, 2 St. 

Im Sommersemester: Das natürliche Pflanzensystem und Pflanzenbestimmungen 
mit Bezug auf ihren Familiencharakter. 

Im Wintersemester: Die wirbellosen Thiere mit besonderer Berücksichtigung 
der Gliederthiere, ihres Nutzens und Schadens. — Oberlehrer Prof. Dr. Foerster. 
Geometrie. Im Sommer 3 St., im Winter 2 St. 

Verwandlung und Theilung der geradlinigen Figuren. Proportionalität und 
Aehnlichkeit. Proportionen an Kreis und Dreieck. Ausmessung geradliniger 
Figuren und des Kreises. Geometrische Analysis. Uebungsaufgaben. — Ober- 
lehrer Dr. Lieck. 
Algebra, Im Sommer 2 St., im Winter 3 St. 

Ausziehen der Quadrat- und Kubikwurzel. Anwendung der Gleichungen ersten 
Grades mit einer Unbekannten. Die Gleichungen ersten Grades mit mehreren 
Unbekannten nebst Anwendung. Quadratische Gleichungen mit einer Unbe- 
kannten. — Oberlehrer Dr. Lieck. 
Zeichnen, 2 St. 

Zeichnen nach Vorlagen und Gyps. 
Gesang, 2 St. — Prof. Wen ig mann. 
Turnen: Freiübungen und Geräth-Turnen, in wöchentlich 2 Stunden. -- Kr ick. 

Unter-Sekunda, 

Ordinarius: Oberlehrer Dr. Lieck. 

Katholische Religionslehre, 2 St. 

Die Grundbedingungen des Sittlich-Guten. Systematische Darstellung der Pflichten- 
lehre. — Kirchengeschichte 1. Zeitalter bis zum Jahre 313. Nach Dubelmans 
Leitfaden II. Theil. — Oberlehrer Dr. Degen. 
Evangelische Religionslehre, 2 St. 

Bibelkunde des Alten Testamentes. I. Theil. Einzelnes aus der Kirchen- 
geschichte. (Die christliche Kirche in den ersten 3 Jahrhunderten. Reformations- 
geschichte). — Neudörffer. 
Israelitische Religionslehre, 2 St. 

Geschichte und Literaturgeschichte der Juden im Mittelalter und in der Neuzeit. 
Einige Auszüge aus jüdischen Moral- und Religionsschriften des Mittelalters wurden 
in deutscher Uebersetzung vorgelesen. 

Bibelkunde: Allgemeine Einleitung in die Bibel. Der Pentateuch und die 
geschichtlichen Bücher der Propheten wurden inhaltlich erklärt und theilweise in 
deutscher Uebersetzung gelesen. Wichtige Moralsätze und prophetische Aussprüche 
aus dem Pentateuch wurden memoriert. — Religionslehrer Rabbiner Dr. Jaulus. 



10 

Deutsch.' 3 Sl 

Die wichtigsten Kapitel aus der Poetik wurden im Anschluss an die Lektüre 
durchgenommen. Lektüre: Teil, Hermann und Dorothea, sowie mehrere grössere 
Balladen von Schiller und Unland; Prosalektüre aus dem Lesebuche von Worbs. 
Mehrere Halladen winden memoriert. Die Aufsatzthemata waren: Etudenz (Charak- 
teristik). — Cäsars Krieg mit den Helvetiern. — Arbeit, eine Wohlthat. — Die 
hervorragendsten Eigenschaften im Charakter Teils. (Klassenarbeit . — Das Mittel- 
meer im Alterthum. — Der Löwenwirth (Hermann und Dorothea.) — Bedeutung 
des Ackerbaues. — Woraus lässt sich die Liebe zur Heimath erklären? (Klassen- 
arbeit). — Der Rheinstrom. — Marjan. 

Latein, 5 St. 

Lehre von den Tempora und Modi nach Siberti-Meiring bis £ 705. Üebersetzen 
der entsprechenden Übungsstücke aus Meirings Übungsbuch für mittlere Klassen 
:>. Abth. Lektüre Caesar b. gall. I. 30—54., IL, III. Ovid metam. 1. 163—191, 
244—415 die Fluth, Deukalion und Pyrrha; III. 7—136 Kadmus; VI. 157—400 
Niobe, die lycischen Bauern. Mehrere Abschnitte wurden memoriert. Alle 14 Tage 
ein Pensum oder Extemporale. — Dr. Spölgen. 
Französisch, 4 St 

Repetition des Pensums der Obertertia. Beendigung der Ploetz'schen Schul- 
grammatik. Lektüre aus Herrig's „La France Litteraire." Mehrere prosaische 
und poetische Lesestücke wurden memoriert. Sprechübungen im Anschluss an das 
Ploetz'sche Vocabulaire. Wöchentlich eine Korrektur oder ein Diktat. — Marjan. 
Englisch, 3 St. 

Plate's Schulgrammatik wurde bis zum VI. Abschnitte durchgenommen; ausserdem 
§ 174 (das Hülfsverb .,lassen u ) und § 175 (das Hülfsverb to do, thun). Lektüre 
aus „Herrig's First Reading Book." Einzelne Lesestücke wurden auswendig gelernt. 
Synonyma. Extemporalien. Diktate. Wöchentlich wurde eine Arbeit korrigirt. — 
Schmitz IL 
Geschichte, 2 St. 

Geschichte des Alterthums. — Greve. 
Geographie, 1 St. 

Das Wichtigste aus der mathematischen und physikalischen Geographie. — Die 
aussereuropäischen Erdtheile. — Greve. 
Naturbeschreibung, 2 St. 

Propädeutik der Mineralogie. Stereometrische, physikalische und chemische 
Eigenschatten. Die Hauptelemente der Mineralien in ihrer Verbreitung und Nutz- 
anwendung. Zusammengesetzte Mineralkörper mit Hervorhebung der am häutigsten 
vorkommenden Erze. Steinkohlen, Brannkohlen und Torf. — Oberlehrer Prof. 
Dr. Fo erster. 
Physik, 3 St. 

Einleitung in die Physik. Allgemeine Eigenschaften der Körper. Wirkungen 
der Molekularkräfte. Die Lehre vom Gleichgewichte und von der Bewegung der 
festen, flüssigen und luftförmigen Körper. -- Der Magnetismus. -- Die Reibungs- 



11 

Blektricitäl Die atmosphärische Elektricität. — Im Sommersemester Dr. Sieben, 
im Wintersemester Oberlehrer Prof. Dr. Sieberger. 
Geometrie, im Sommer 3 St., im Winter 2 St. 

Übungen in der geometrischen Analysis. Die algebraische Analysis. Die ebene 
Trigonometrie. — Oberlehrer Dr. Li eck. 
Algebra, im Sommer 2 St., im Winter 3 St. 

Anwendung der quadratischen Gleichungen mit einer Unbekannten. Die Lehre 
von den Potenzen, Wurzeln und Logarithmen. — Oberlehrer Dr. Li eck. 
Zeichnen, 2 St. 

Maschinen- und Kartenzeichnen. Fortsetzung des Zeichnens nach Gyps. — Salm. 
Gesang*. 2 St. — Prof. Wenig mann. 
Turnen: Freiübungen und Geräth-Turnen, in wöchentlich 2 Stunden. — Kr ick. 

Ober-Sekunda. 

Ordinarius : M a r j a n. 



Religionslehre. Combinirt mit Unter-Sekunda. 



Katholiche 

Evangelische 

Israelitische 

Deutsch, 3 St. 

Poetik im Anschluss an die Lektüre. Gelesen wurden Maria Stuart, sowie 
grössere Balladen und kulturhistorische Gedichte Schillers, ferner ausgewählte 
Abschnitte aus dem Nibelungenliede (nach Simrock) und aus der Ilias (Voss'sche 
Uebersetzuug). Prosalektüre: Schillers Abfall der Niederlande. Disponirübungen 
und freie Vorträge. Die Aufsatzthemata waren: Kann uns zum Vaterland die 
Fremde werden? — Weshalb soll sich die Jugend der körperlichen Uebungen 
befleissigen? — Kenntnisse, der beste Reicbthum (Klassenarbeit). Euch, ihr Götter, 
gehört der Kaufmann. Güter zu suchen geht er, doch an sein Schiff knüpfet 
das Gute sich an. — Noth entwickelt Kraft. — Die Jagd im Nibelungenliede. — 
Vercingetorix. -- Was ist von dem Satze „Vox populi, vox Dei" zu halten? Welchen 
Nutzen gewährt das Studium der Naturwissenschaften. — Marjan. 

Latein, 5 St. 

Beendigung der Meiring'schen Grammatik, Wiederholung der Syntax und Er- 
weiterung derselben in einzelnen Punkten. Schriftliche und mündliche Über- 
setzung aus Meirings Uebungsbuch, 2. Abteilung. Lektüre: Caesar de b. g. I. VII., 
von Vergil einige Eklogen und Aen. 1. V. Einzelne Abschnitte wurden memorirt. 
Alle 14 Tage ein Pensum oder Extemporale. Im Sommerhalbjahr der Ordinarius. 
Im Winterhalbjahr Grimmendabi. 

Französisch, 4 St. 

Uebersetzen, Rückübersetzen und theilweises Memoriren von Prosa und Poesie 
aus Herrig's „France Litteraire". Grammatik : Uebungen zum Uebersetzen 
deutscher Stücke. Synonyma und Idiotismen behandelt. Metrik. Sprechübungen. Jede 
Woche abwechselnd ein Pensum und ein Extemporale. — Der Direktor. 



1 1 

Englisch, 3 St. 

Prosaische und poetische Schriften aus Herrig's „British Classicel Aiithors", 
übersetzt und theilweise rückübersetzt und memorirt. Uebersetzen aus dem 
Deutschen ins Englische. Fortsetzung der Grammatik nach Plate. Synonyma. 
Idiotismen. Metrik. Sprechübungen. Wöchentlich eine häusliche schriftliche Arbeit, 
oder ein Extemporale in der Klasse. — Der Direktor. 

Geschichte, 2 St. 

Komische Geschichte; Geschichte des Mittelalters bis 568. — Greve. 

Geographie, 1 St, 

Europa, besonders Mitteleuropa. Die wichtigsten Verkehrswege der Gegenwart. 
Repetition über die aussereuropäischen Erdtheile. — Greve. 

Physik, 3 St. 

Wiederholung des Pensums der Unter-Secunda. Eingehendere Behandlung ein- 
zelner Kapitel aus der Mechanik. — Die Calorik. — Die Berührungs-Elektricität. — 
Oberlehrer Prof. Dr. Sieberger. 
Chemie, 2 St. 

Einleitung. Die Metalloide und ihre wichtigsten Verbindungen mit Ausschluss 
von Selen. — Stöchiometrische Aufgaben. — Oberlehrer Dr. Li eck. 
Geometrie, 3 St. 

Wiederholung der ebenen Trigonometrie. Die Stereometrie. Uebungen im Lösen 
von Aufgaben. Die Elemente der sphärischen Trigonometrie. — Oberlehrer Prof. 
Dr. Sieberger. 
Algebra, 2 St. 

Gleichungen zweiten Grades mit mehreren Unbekannten. Die reeiproken Glei- 
chungen höherer Grade. Die diopbantischen Gleichungen. Die arithmetischen 
und die geometrischen Progressionen. Die Kettenbrüche. Die Zinseszinsrechnung. — 
Oberlehrer Prof. Dr. Sieberger. 
Zeichnen, 2 St. 

Fortsetzung des Pensums der Unter-Sekunda. — Salm. 
Gesang, 2 St. Prof. Wenigmann. 
Turnen. Freiübungen und Geräth-Turnen, in wöchentlich 2 Stunden. — Krick. 



Prima. 

Ober- und Unter-Prima combiniert. 
Ordinarius: Oberlehrer Prof. Dr. Sieberger. 

Katholische Religionslehre, 2 St. 

Die Lehre von der Erlösung und ihrer Zuwendung durch den heiligen Geist. 
Von der Gnade und den Sakramenten im allgemeinen. — Gelegentliche Repeti- 
tionen aus der Sittenlehre und der Kirchengesehichte. — Oberlehrer Dr. Degen 



13 

Evangelische Religionslehre, 2 St. 

Kirchengeschichte II. und III. Theil von 800 bis zur Gegenwart. — Repetitionen 
aus der Bibelkunde. Einiges aus Glaubens- und Sittenlehre. Unterscheidungs- 
tehren. Neu d o rffer. 

Deutsch. 3 St. 

Repetitiou und Erweiterung der Poetik im Anschluss an die Lektüre. Defini- 
tionen, freie Vorträge. Lektüre : Göthes lphigenie, verglichen mit dem gleich- 
namigen Drama des Euripides (Uebersetzung von Minkwitz); Egmont. Prosa- 
lektüre aus Schillers kleineren Schriften. Die Themata der Aufsätze waren : 
Wallenstein und Macbeth. — Es stürzt das Grosse oft durch eigne Last. — Cha- 
rakteristik Egmonts. — Vorzüge einer mittleren Lebenstellung. (Klassenarbeit). — 
Dem Unglück ist die Hoffnung zugesendet; Furcht soll das Haupt des Glücklichen 
umschweben; denn ewig wanket des Geschickes Wage (Wall. Tod V. 4). — Schnell 
fertig ist die Jugend mit dem Wort, das schwer sich handhabt wie des Messers 
Schneide; Aus ihrem heissen Kopfe nimmt sie keck Der Dinge Maass, die sich 
nur selber richten (Wall Tod II. 2). — Immer strebe zum Ganzen und kannst 
du selber kein Ganzes Werden, als dienendes Glied schliess an das Ganze dich 
au. — Bildung macht frei. — Hindernisse der Selbsterkenntniss (Klassenarbeit). - 

Marjan. 

Latein, 5 St. 

Repetition der Syntax. Lektüre: Caesar, De B. G. 4. Buch; Livius, Ab U. C. 
XXII, 1—50; Horat. Od. 1. 1, 7, 10, 11. II. 7, 13 III. 4, 30. IV. 3. Epod 2. — 
Dr. Schmitz im Sommerhalbjahr, im Winter M a rj an. 

Französisch, 4 St. 

Prosaische und poetische Stücke aus Herrigs „France Litteraire" übersetzt, 
theilweise rückübersetzt und memorirt. — Uebersetzen des Cinna von Corneille. 
Grammatik und Metrik. Extemporal-Uebersetzung ins Französische von deutschen 
Texten. Synonyma. Idiotismen. Metrik. Sprechübungen. Aufsätze über die folgen- 
den Themata : Franz I., König von Frankreich. — Beschreibung einer Feuers- 
brunst. — Kaiser Max auf der Martinswand. — Was verschaffte dem Kurfürsten 
Friedrich Wilhelm I. den Beinamen des Grossen ? — Ursachen des Uebergewichts 
Frankreichs unter Ludwig XIV. — Friedrich der Grosse bis zum Ausbruch des 
siebenjährigen Krieges. — Friedrich der Grosse seit dem siebenjährigen Kriege 
bis zu seinem Tode. — Die Kriege Oesterreichs gegen Napoleon I. — Die Er- 
hebung Preussens im Anfange der Freiheitskriege. — Der Direktor. 

Englisch, 3 St. 

Uebersetzen aus Herrigs „British Classical Authors", theilweise Rückübersetzen 
und Memoriren. Uebersetzen des Julius Caesar von Shakespeare. Grammatik. 
Metrik. Synonyma. Idiotismen. Sprechübungen. Kleinere Stylübungen ; kleinere 
häusliche schriftliche Arbeiten über Maximilian, eine Ueberschwemmung, Androkles 
und der Löwe, das Schwert des Damokles, Alexander und Diogenes, Ueber- 
setzung des Erlkönigs und des Liedes vom braven Manne. Klassen-ftxtemporalien. 
Häusliche Uebersetzungen von Diktaten. — Der Direktor. 



14 

Geschichte, 2 St. 

Geschichte der neueren Zeit. — Repetitionen aus der Geschichte des Alterthums 
und dos Mittelalters. Gelegentliche Repetitionen aus der Geographie im Anschluß« 
an die Geschichte. — Greve. 
Physik, 3 St. 

Die Berührungs - Elektricität. Die mathematische Geographie. Repetitionen. — 
Der Ordinarius. 
Chemie, 2 St. 

Die wichtigeren Metalle und ihre Verbindungen. Qualitative Analyse in Wasser 
löslicher Salze. — Oberlehrer Dr. Li eck. 
Geometrie, 3 St. 

Die analytische Geometrie. Die Kegelschnitte. Die sphärische Trigonometrie. 
Aufgabenlösungen. — Der Ordinarius. 
Algebra, 2 St. 

Die Gleichungen dritten und vierten Grades. Die Lehre von den Permutationen, 
Variationen und Combinationen. Der binomische und der polynomische Lehrsatz. 
Die unendlichen Reihen. Die Exponential-, die logarithmische, die Sinus- und die 
Cosinus-Reihe. Die Leibnitzsche Reihe. — Der Ordinarius. 
Zeichnen, 2 St. 

Zeichnen nach Gyps und grösseren Wandtafeln. Maschinenzeichnen. — Salm. 
Gesang, 2 St. Prof. Wenigmann. 
Turnen: Freiübungen und Geräthe-Turnen in wöchentlich 2 Stunden. Kr ick. 



L5 



Uebersicht über die Verwendung der Lehrkräfte. 



Lehrer. 


Zahl 

der 

m Öohentl. 

Lehr- 
stunden 


1. 
a. u. b. 


U.a. [Lb. 


lila. 


Ill.b. 


IV. IV. 

1. Cot. 1 2. Cöt. 


V. 


VI. 


I. Prof. I>r. HUffers, 
Direktor. 


li 
15 


i Franz. 
:; Englisch 


J Franz. 
3 Rnglisch 

2 Naturge- 
schichte 










.'. Prof. Hr. Foeratcr, 
1. Oberlehrer. 
Ordinarius der [H.a. 


2 Naturge- 
schichte 
1 Geogr. 


2 Naturge- 
schichte 
l Geogr. 


2 Naturg. 2 Naturg. 
1 Geographie 


2 Naturge- 
schichte 




J. Prof. i>r. Sieberger, 
2. Oberlehrer. 
Ordinarius der L 


19 


5 Matheiu. 
3 Physik 


5 Matheni. } . { 1M ik 
3 Physik j a lliysiJv 








Dr. Ziech, 

'A. Oberlehrer. 
Ordinarius der IT. b. 


IS 


2 Chemie 


2 Chemie 5 Mathem. 


5 Mathem. 1 < 4 Mathem. 
1 






Dr. Degen, 
4. Oberlehrer. 


15 


2 Religsl. 




2 Religsl. 2 Religsl. 


., 


2 Religsl. 




2 Religionslehre 


2 Religionslehre 


3 Religsl. 


Marfan, 

Ordinarius der 11. a. 


IS 


3 Deutsch 
3 ) (5 Latein) 


VAS? 3 Deutsch 

j Latein ; . F flg 
(- Latein) 4 b ianzoS - 












21 
22 






5 Latein 


4 Französ. 
3 Gesch. 


3 Gesch. u. 
Geographie 








7. Dr. Spölgen, 
Ordinarius der IV.3. 


3 Gesch. n, Geographie 
| 3 Deutsch 




Dr. Schmitz 1. ») 
Ordinarius der V. 


5 Latein 










7 Latein 


7 Latein 
3 Deutsch 




Kr ich, 

Ordinarius der IV. i. 


21 

4 










G Latein 


7 Latein j 
3 Deutsch i 
5 Französ. 










Tu 


•nen in zwei getrennten Abtheilungen 






10. Dr. Meurer, 

Ordinarius der VI. 


1 f 








| 
i 


5 Französ. 
3 Gesch. u. 
Geographie 


3 Deutsch 

8 Latein 
3 Gesch. u. 
Geographie 


1 1 . Oreve. 


2. 


3 Gesch. 


3 Gesch. u. 3 Gesch. u. 
Geographie Geographie 


3 Deutsch 
6 Latein 


3 Deutsch 






12. Schmitz II. 


20 




J3 Englisch 


«■*H"fc|t£££| j 5 Franzi 


13. Xeudörffer, 

Candidat der Tbeologie, 
evangelischer Religionslehrer. 


13 


2 Religsl. 


, 


v J \ • * 


2 Religsl. 




2 Religionslehre 

1 


2 Religionslehre 2 Religiouslehre 

1 ! 


3 Religsl. 




8 






~. . j 


1 Religsl. 




Rabbiner, 
israelitischer Religionslehrer. 


2 Religionslehre 

1 


2 Religionslehre 2 Religiouslehre 

! ! 1 


1 RePgsl. 


15. Onstein, 

Ordinarius der III. b. 


22 




I 
1 


4 Mathem. | r >) 1 Rech- | 4 Mathem. 
! 1 Rechnen | nen 1 1 Rechneu 


4 Rechnen 


6 )5 Rechneu 
-) 2 Naturg, 


16. Dr. Sieben, 

Candidat des höh. Schulamts, 


6 




3 Physik 


! i 
1 1 I 






1 7. Grimmendah I, s ) 
Candidat des höh. Schulamts. 


32 




5 Latein 

1 


7 Latein 


7 Latein 
3 Deutsch 




18. Ihr. Pauls, 

Candidat des höh. Schulamts. 






14 Mathem. | 
| 1 Rechnen 






19, Heckimg, 

Candidat des höh. Schulamts. 


7 






! 1 
1 1 


5 Rechnen 
| 2 Naturg. 


20. Louvens, 

Candidat des höh. Scbulamts. 










1 1 1 


2 Zeichnen 






12 




\ 

2 Zeichnen 1 2 Zeichnen 

i 






21. Salm. 




2 Zeichneu 


2 Zeichnen 


2 Zeichnen 




6 


^ 










22. Prof. Wenigmawn. 




G 


ssangunterricht in drei Abtheilungen 






23. Offermann». 


4 




1 


1 1 


q ) 2 Schreib. 


2 Schreiben 


24. Beulen. 


4 












I 


i") 2 Schrb. 


2 Schreiben 



') Bis Anfang Octobor von Dr. Sieben. 2 ) Im 3. Tertial vom Candidat Dr. Pauls. 3 ) Seit dem 2. Tertial 5 St. Latein in I. statt in 
IIa. cfe Nr. 8 und 17. *) Nur im 1. Tertial cfr. Anm. 3 und 8. ■•) Im 3 Tertial von Dr. Pauls übernommen. ,; ) u. ") Im 3. Tertial vom Can 
didaten Hecking gegeben. *) Seit dem 2. Tertial cfr. Anmerk. 3 und 4. 9 ) Bis Mitte Juli, von da ab bis Ende November der Sehreibuntorriehl 
provisorisch vom Lehrer Onstein gegeben. "') Seit Anfang December. 



16 



Auszug 

aus den Verfügungen der Behörden. 

Unter dem 31. März L882 werden durch Erlass des Herrn Kultusministers die neuen 
Lehrpläne für die hohem Schulen nebst den betreffenden Erläuterungen bekannt gemacht. 
Das Latein erhält bei den Realschulen I. Ordnung, welche fortan den Namen „Realgymnasien 1 ' 
fuhren sollen, eine vermehrte Stundenzahl; für die Naturbeschreibung werden je zwei Stunden 
in den Klassen von Sexta bis incl. Unter-Sekunda festgesetzt, der Unterricht in der Chemie 
wird auf die Klassen Ober-Sekunda und Prima beschränkt, der Schreibunterricht auf Sexta 
i ud Quinta mit je 2 Stunden. Die Lehrpensa für das Französische und Englische werden 
ermässigt. 

Eine Verf. des Königl. Prov.-Schulcollegiums vom 23. April veranlasst die Direktion 
zum Bericht über die behufs Einführung des neuen Lehrplanes an dem bisherigen Lehrplane 
vorgenommenen oder vorzunehmenden Veränderungen. 

Die Zahl der von den Schülern einzuliefernden Aufsätze wird beschränkt (Verf. vom 
20. Mai ej.). 

Der israelitische Religionslehrer Rabbiner Dr. Jaulus erhält einen Urlaub bis zum 
Ende des I. Tertiais (Verf. vom 4. Aug. ej.). 

Die neue „Ordnung der Entlassungsprüfungen an den höheren Schulen" wird nebst 
Ehrganzungen und Erläuterungen durch Verf. vom 6. September mitgetheilt. 

Die beantragte Beurlaubung des Lehrers Dr. Schmitz I. wegen Erkrankung wird 
nebst der von der Direktion vorgeschlagenen Vertretung desselben durch Verff. vom 4. October 
und 15. December genehmigt. 

Eine Verfügung vom 23. October erinnert an die Verpflichtung der Anzeige solcher 
Schüler, welche in noch schulpflichtigem Alter austreten. 

Durch eine Circularverfiigung vom 14. November wird den Direktoren und Lehrern 
zur Pflicht gemacht, die Schüler dazu anzuhalten, auf der Grundlage des ihnen gewährten 
Schreibunterrichtes sich während ihrer ganzen Schulzeit einer sorgfältigen, leserlichen und ge- 
fälligen Handschrift zu befleissigen. 

Referent wird durch Verfügung vom 23. Januar c. zum Commissarius bei der 
Abiturientenprüfung des Ostertermins ernannt. 

Eine Verfügung vom iO. Januar c. verordnet, dass die Abiturienten auch nach der 
Prüfung zur Theilnahme an dem Schulunterricht verpflichtet sind. 

Das Lehrercollegium wird zur Einreichung von fünf formulirten Vorschlägen zur Be- 
handlung bei der 2. Rheinischen Direktoren-Conferenz veranlasst (Verf. vom 2. Februar c). 

Durch Verfügung vom 7. Februar wird besimmt, dass die Königsgeburtstagsfeier in 
diesem Jahn- am 17. März zu begehen ist. 

Die Verfugung vom 10. Februar c. enthält die näheren Bestimmungen über Ausführung 

las Turnen an den höheren Lehranstalten betreffenden Erlasses des Herrn Unterrichts- 

tninistere vom 27. October 1882. Unter Anderm soll von dem Direktor eine ständige engere 



17 

Conferenz aus dem Lehrercollegiura zu dem genannten Zwecke berufen werden, welche einen 
Plan der Betreibung der Bewegungsspiele, Turnfahrten, Spaziergänge, einschliesslich der zu 
botanischen Übungen bestimmten, zu entwerten hat. Der Entwurf wird von der allgemeinen 
Lehrerconferenz berathen, der Provinzial-Schulbehörde vorgelegt und soll jedes Jahr am 1. Nov. 
aber die Ausführung des festgestellten Programms berichtet werden. Die engere Conferenz 
soll als ständiger Referent bei der allgemeinen Lehrerconferenz das Interesse für diese An- 
gelegenheit anregen und wach erhalten und die Direktoren haben in ihren Verwaltungsberichten 
die Behörden mit betreffendem Rathe zu unterstützen. Insbesondere soll auf die Herstellung 
eines den Anforderungen eines guten Spielplatzes entsprechenden freien Turnplatzes gesehen 
und die Anstalt mit den für Ball-, Lauf- und Schleuderspielen erforderlichen Geräthen versehen 
werden. Betreffs des hierzu erforderlichen erhöhten Aufwandes haben die Direktoren mit den 
Verwaltungsiäthen und Curatorien in Benehmen zu treten. — Die auf Bewegungsspiele und 
Turnfahrten etc. bezüglichen Druckschriften sollen für die Schulbibliothek angeschafft werden. 
Andere Verfügungen siehe unter „Chronik". 



Chronik. 



Nachdem am 21. und 22. April 1882 die Aufnahme-Prüfungen der neuen Schüler 
Statt gefunden hatten, begann der Unterricht des Schuljahres 1882/83 Montag den 24. April; 
es ging demselben ein Schulgottesdienst für die katholischen Schüler voraus. 

Die Anstalt, welche bisher eine Realschule 1. Ordnung war, erhält auf Grund der 
Circularverfügung des Herrn Cultusministers vom 31. März 1882 die Einrichtung und den 
Namen eines Realgymnasiums. 

Am 6. Juni übersendet das Lehrercollegium ihrem früheren Collegen, Herrn Prof. 
Dr. Rovenhagen, nachdem er seine definitive Ernennung als Regierungs- und Schulrath bei 
der Regierung zu Düsseldorf erhalten hatte, eine Glückwunsch- und Anerkennungsadresse, 
welche der Ober-Sekundaner Josef Buchkremer kunstfertig geschrieben und illustrirt hatte. 

Am 25. Juni führte der katholische Religionslehrer Oberlehrer Dr. Degen die von 
ihm dazu vorbereiteten Schüler in der St. Eoilanskirche zur ersten hl. Communion. 

Unter dem 10. Juli beantragte Referent bei dem Herrn Oberbürgermeister von Weise 
seine Pensionirung für den Ostertermin 1883. Dieser Antrag wurde in der Sitzung des 
Curatoriums des Realgymnasiums vom 15. Juli und von der Stadtverordneten- Versammlung 
in der Sitzung vom 25. Juli angenommen. Der Herr Oberbürgermeister theilte dem Referenten 
mit, dass ihm das ganze Gehalt als Pension bewilligt worden sei. Referent erkennt hierin 
mit dankerfülltem Herzen eine Anerkennung seines guten Willens und der Leistungen des 
Lehrercollegiums. S. unten. 

Am 15. August geleiteten die Schüler und Lehrer den Ober-Tertianer August Strom 
zu Grabe. Er war beim Baden im Hangeweiher in Folge eines Herzschlages gestorben im 
blühenden Alter von 16 Jahren. Er ruhe im Frieden! 

Durch Verfügung vom 2. September wurde der Candidat des höhern Schulamts, 
Dr. Pauls, ein früherer Abiturient derAnetalt, dieser zur Abhaltung des Probejahres zugewiesen. 

Am 16. September Bestattung des Schreiblehrers Offermanns, gestorben am 14. ej. 



18 

Seine Willenskraft erlahmte seil Mitte Juli. Er leitete den Schreibunterrichf mit vielem Eifer 
und Geschick. Friede seiner Seele! 

Seine Vertretung hatte Lehrer Onstein übernommen und setzte den Unterrieht bis 
Ende November fort. S. unten. 

Gegen das Ende des 1. Tertiais erkrankte zu unserm grossen Bedauern der Lehrer 
Dr. Schmitz 1. Der ihm ertheilte Urlaub musste bis /.um Ende des laufenden Schuljahres 
verlängert werden. 

Der Candida! des böhern Schulamts Grimmendahl wird mit der Übernahme der 

toten Zahl der Lehrstunden des erkrankten Collegen betraut, cf. Tabelle. (Verf von. 
1. October.) 

Gegen Anfang October trat der wissenschaftliche Hülfslehrer Dr. Sieben aus, um 
eine Stelle am Gymnasium zu Giessen zu übernehmen. Er hat der Anstalt gute Dienste, 
insbesondere durch Vertretung von Lehrern, geleistet, 

Der Candidat des höhern Schulamts Max Hecking trat bei der Anstalt mittelst Ver- 
fügung vom 14. October ein. 

Am 10. October wurde die Wahl des Direktors des Realgymnasiums von der Stadt- 
verordneten-Versammlung vollzogen. 

Eine Verfügung des Königl. Provinzial-Schulcollegiunis vom 4. December benach- 
richtigt das Curatorium, dass die qu. Wahl die höhere Bestätigung nicht erlangt habe. 

Die Wahl des Stiftsschullehrers Seulen zum Schreiblehrer des Realgymnasiums in der 
Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung vom 24. November wurde durch Verfügung vom 
2. December genehmigt. 

Das Curatorium nahm unter dem 19. December und die Stadtverordneten-Versamm- 
lung unter dem 22. ej. das Anerbieten des Referenten an, die Direktion eventuell über Ostern 
1883 hinaus bis zum Eintritt seines Nachfolgers fortzuführen. S. unten. 

Dem Gesanglehrer Concertmeister Fr. Wenigmann ist mittelst Patent vom 22. December 
der Professor-Titel von dem Herrn Cultusminister verliehen worden. Diese Anerkennung des 
um die Anstalt und die musikalischen Verhältnisse der Stadt wohlverdienten Collegen wurde 
von uns und in weiteren Kreisen freudig begrüsst. 

Eine Verfügung vom 10. Januar c. verordnet die Abhaltung des Probejahres des 
( andidaten des höheren Schulamtes Louvens bei dem Realgymnasium. 

Am 28. Januar betheiligte sich die Anstalt an der kirchlichen Karlsfeier im Münster. 
Am 9. Februar wählte die Stadtverordneten- Versammlung den Oberlehrer beim Gym- 
nasium zu Montabaur, Dr. Neuss, zum Direktor des Realgymnasiums. 

Das Königl. Provinzial-Schulcollegium zeigt unter dem 19. Februar an, dass die 
definitive Neubesetzung der Direktorstelle beim Realgymnasium keinesfalls schon am 1. April c. 
herbeigeführt werden könne und verfügt mit Zustimmung des Herrn Cultusministers, dass 
Referent die Direktion der Anstalt bis zum 1. October weiterführe. 

In der Lehrerconferenz vom 28. Februar wurde die engere Conferenz für das Turnen 
gebildet; sie besteht ausser dem Direktor und Turnlehrer aus den Oberlehrern Prof Dr Foerster 
and Prof. Dr. Sieberger und dem Lehrer Onstein. 
üeber die Abiturientenprüfung siehe unten. 



19 

Am 17. März Feier des Königsgeburtstages. Schulgottesdienst mit Te Deum und dem 
Domine, Balvum fac imperatorem ei regem oostrum in der Foilanskirche, für die katholischen 
Schüler; die evangelischen und israelitischen Schüler wohnten dem Gottesdienste ihrer Ge- 
meinden bei. Die Schulfeier fand in der Aula der Anstalt Statt und bestand in vierstimmigen 
Liedern abwechselnd mit dem Vortrag patriotischer Gedichte. Zuletzt Rede eines Unter- 
Primaners. Ansprache des Direktors, ein Hoch auf den Kaiser und König und die National- 
hymne. 

Das Nähere über die Schlussprüfung und die Schulschlussfeier am 19. und 20. März 
folgt unten. 

Der Gesundheitszustand der Schüler war im Ganzen befriedigender, als in den vor- 
hergegangenen Schuljahren. 

Ferien und einzelne freie Tage, 

Pfingsten: am 29. und 30. Mai. 

Am 5. Juni frei wegen der statistischen Aufnahme. 

Herbstferien: vom 21. August bis zum 24. September. 

Am 19. October frei wegen der Wahl der Wahlmänner. 

Weihnachtsferien: vom 23. December 1882 bis zum 7. Januar 1883. 

Am 5. und 6. Februar: Fastnachtstage. 

Am S. März frei wegen der Abiturientenprüfung. 

Am 17. März: Königsgeburtstag. 

Osterferien: vom 21. März bis zum 8. April. 



Frequenz, 



Gesammtzahl: 329, incl. 1)4 neu aufgenommene, 74 im Sommer, 20 im Winter. 
Darunter waren 224 Katholiken, 78 Evangelische, 27 Israeliten; 269 aus Aachen, 43 Aus- 
wärtige (incl. 28 Burtscheider), 17 Ausländer. Es hatten davon die VI. besucht 60, die V. 
63, die IV. t 30, die IV. 2 28, die Ill.b 53, die IH.a 38, die IIb 35, die II.a 7, die I.b 8, 
die I.a 7. Das Durchschnittsalter beträgt in VI. 11 Jahre; in V. 12 2 / s ; in Gesammtquarta 
: in IEE.b 14% in IH.a für die Einheimischen lö 3 /^ für die Auswärtigen 1672 5 in IIb 
16, in II.a für die Einheimischen Iß 1 /.., für die Auswärtigen lS 1 /^; in I.b für die Einheimischen 
für die Auswärtigen 18 x / 4 ; in I.a für die Einheimischen 19 2 / 5 , für die Auswärtigen 20 I / 2 . 

Von den Unter-Sekundanern, welche das Zeugniss der Reife für Ober-Sekunda erhielten 
und damit die wissenschaftliche Befähigung für den einjährig-freiwilligen Dienst nachgewiesen 
haben, werden 14 am Ende des Schuljahres ins bürgerliche Leben treten. 

Schulbibliothek, Lehrapparat, Geschenke. 

Neue Anschaffungen werden sehr he.H'hränkt durch den bedeutenden Kostenaufwand 
für die in früheren Berichten aufgeführten fortlaufenden Zeitschriften etc. etc. und durch die 



20 



*J* Die Limburger Ohr „„ k S ™ Der M T "J" ^ ^ ^ 17t " C «e,; 

Europa und von Afrika; End HchT Ge 1 Int ' "■" 7 "' Schul - W -*arteu vou 
Sohoenherx, Synonyma i^eoto,,,,,, ; ScmII £ Z-T, ^ "^ ^^ 
Gümbel, Die fünf Würfelschnitte. ! '"^ entomoI ogische Zeitschrift; 

Die Schülerbibliothek wurde vermehrt ,l,,mi, . a* T ., 
ü-teratur; Leixner, Illustrirte Gesch chTZ 1 7t ' T ?'■ ^^ ** d<mtSchen Nati <^- 
****« vou Simrock; Frauer^n chd Z£ r M f Wn »»»' ***>* -h dem Alt- 

i" ihren Grund 2 ü g en ; Sommer ,'k2 e Ü F^S^'' ^* *^ <*«-* 
Aufsätzen und Reden: Heintze', Die ÄÄÄ*?* " ***- 
die Redner, übersetzt von Bötticher- Schroer <W»7 „ "• rac,tus ' Germania, Agricola, 

Hsche Synonymik von Meurer, Kl eppef Dreser t ^7 ** IateiDiSCheD S P rach ^ E ^" 
die Gedichte von Coleridge i ,e7r2hnZ\ 7 l T ^^ MeUrer Und Sch °4 
of Coleridge in einer Woner LjSfSÄ: ^ ^ Pb- " 1 ^ Dramat « Work 
und Sprachgeschichte; Lorinser's üeWz^I T'caM T ^ franZÖsiscI ™ Literatur- 

Friedrich Barbarossa; Gindeley, Ge ch c " deldr^ ^ • geiStliChen Fe8t8piekn : Kra »-u, 
Rom; Göpel, Illustrirte Kunstgeschichte Xt e ^Zff^J*** 1 ^ **» ^ 
manische Gotter nnd Helden No J NordfscWe T ^^ ^'^ »d-ger- 

8ch«le und Volk; Schalk, KordUZ^^™^ ,f ^ Md =**««- <* 
Bddertafeln; Dronke's Leitfaden für den üSrriJtT-, r T^' H!rt ' S ««»graphiBche 
Steinhauser, Erde und Mond- Kiepert HistT T Ge °^ hie > L ehnert, Um die Erde- 

* — - ,e Pianeten;' SÄTSE*^ " * *" "«* Becker,' 

d. j~iÄt:rÄ^- -? r- der -— Herra 

rheinischen Vereins für öffentliche Gesu dhlsl" e V? C °" eS ^^ M ^ des Nieder- 
für allgemeine Gesundheitspflege O 2 d Xl T • T ^ ^^ d <* Centralblattes 
'•eitspflege, herausgegeben von P, f T ^^"^r ^^ «* «<*e Gesund- 
Kaufmann Herrn Arthur Loerseh zu Aacht a Z T 7^" ^ ^ ™ *™ 
lustorischen Vereins für den Niederrhetn Reizung das 38. Heft der Annalen des 

- J- Feier de S 50jährigen S^i^^S^"*^ * Triften 
Realgymnas.„m S Zll Xeisse . von d ™ ^Uhelm« Gymnas.ums zn Köln und des 

Band von Palästinas Werken; «Td^^STT" t F ° rtSetZUng *» 13 ' unfl * 
universel d'Electricite. ^nter-Sekundaner Mathee acht Hefte des Journal 

-^^ss^tÄ.j!r;r^ aDgeschafft: *• *— 

-hes Element: de la Rive's App l! t 1 " ^ -^ elektriSChe Lam P e '' eiü P1 ^'- 

August'sche Magnetuadel; W^T * "'f 'f ™™^. gehörige Apparate; eine 



21 

Wiederzusammenziehung erhitzter Körper; ein Compressionsfeuerzeug von Glas; ein Stab- 
Apparat für Longitudinalschwingungen ; Quinckes Interferenz -Apparat; Stahlstäbe auf 
Resonanzkasten, Zungen-Pfeife C; Glocke auf Stativ nebst Messingkügelchen ; Marmorplatte 
und elfenbeinerne Kugel; ein bergangehender Cylinder; ein Endosmoraeter; ein Uhrwerkmodell; 
ein Modell einer Brückenwaage; ein Mikrometer. — Ein galvanoplastischer Apparat; ein 
Spektroskop nach Browning; ein Platintigel mit Deckel: Keagenzienflaschen mit eingebrannter 
Etiquette; ein Satz leine Gewichte; ein Gasentwickelungsapparat ; eine Glasglocke mit Hahn; 
eine Gaswaschflasche; eine Magnesiumlampe mit einer Rolle Magnesiumband; eine Eismaschine 
nach Reinhardt; ein Quecksilber-Reinigungsapparat; Gaslampen. 

Für die naturhis tonschen Sammlungen wurden Krystalle und zur Erläuterung dieser 
Sammlungen eine Anzahl naturbeschreibender Werke mit Abbildungen angeschafft. 

Auch in diesem Jahre wieder schenkte Herr Oberlandesgerichtsrath Arnold in München 
als Fortsetzung 84 Exemplare Lichenes exsiccati. 

Die neuen Anschaffungen für den Zeichenapparat bestanden in mehreren vom Zeichen- 
lehrer Salm ausgeführten Wandtafeln, enthaltend elementare Vorlagen, Vorlagen nach Körpern, 
grosse Kopfstudien, ganze Figuren; ferner in Gypsabgüssen und Holzmodellen, in Koch, Die 
schönsten Blätter aus Piranesi; Boeklen, Vorlagewerk für elementares und constructives 
Zeichnen ; Häuselmann und Ringger, Taschenbuch für das farbige Ornament. 

An Geldgeschenken von ausgetretenen Schülern erhielt Referent von dem Unter- 
Sekundaner Pappert 20 M., von N. 50 M., von N. 50 M., von den Abiturienten August Croon 
und Richard Croon je 50 M. Diese Beträge wurden in die Aachener Sparkasse gelegt und 
dem schon angesammelten Fonds hinzugefügt, aus welchen hoffentlich bald ein zweites Schüler- 
stipendinm errichtet werden wird. 

Am 16. Februar c. erhielt Referent von dem Präses des Aachener Karnevalsvereins, 
Herrn Tuchfabrikanten P. Boehmer, 75 Mark, welche nach der Intention des Geschenkgebers 
zur Unterstützung eines Schülers verwandt wurden. 



Entlassungs-Prüfung. 



Unter dem Vorsitz des Referenten, der durch betr. Verfügung des Königl. Provinzial- 
Schulcollegiums mit der Funktion des Königl. Commissarius beauftragt worden war, fand am 
8. März die Abiturienten-Prüfung Statt. Es waren zu derselben die sieben Schüler der Ober- 
Prima zugelassen worden ; sie erhielten das Zeugniss der Reife. Von den Abiturienten will 
sich Albert Marquardt, dem die mündliche Prüfung erlassen wurde, dem Studium der Natur- 
wissenschaften auf der Universität widmen, Julius Hirsch und Alfred Tilger dem der Forst- 
wissenschaft, Johann Körfer und Oscar Mahlau dem Postfache, während Josef Unverfehrt 
Mathematik und Josef Weismann moderne Philologie auf der Universität studiren werden. 
Die Themata für die Prüfungsarbeiten waren : 
1. Deutscher Aufsatz: 

Wer durchs Leben 
Sich frisch will schlagen, muss zu Schutzbund Trutz 
Gerüstet sein. 



22 

2. [Jebersetzung a-us «lern Lateinischen ins Deutsche: Caesar de B. G. VII, 
33 und 34. 

.■>. Französischer Aufsatz: La pari que prit la Prusse aus guerres contre 
Napoleon I' r 

1. [Jebersetzung aus dem Den t seilen ins Französische: Der Tod Wallen- 
steine aus Schillers Geschichte des 30jährigen Krieges. 

5. [Jebersetzung aus dem Deutschen ins Englische: Friedensvorschläge 
Ludwigs XIV. im Jahre 1697. 

!i. Mathematische Aufgaben: a) Aus der Algebra: 

x : y y : z 

x + y + z 21. 

(X — y) 2 -f ( x — z) 2 + (y — z) 2 = 126. 
b) Aus der ebenen und körperlichen Geometrie. 
Wie gross ist d<\* reguläre Dreieck in dem Kreise,, an welchen aus einem um a Längen- 
einheiten von der Peripherie entfernten Punkte eine Tangente von doppelter Länge gezogen 
werden kann? 

c) Aus der Trigonometrie. 
Die drei Seiten eines Dreiecks verhalten sich wie 5:8: 9, und die Summe der 
Flächeninhalte der drei Quadrate, welche über den Dreieckseiten errichtet werden können, 
beträgt 680 qm. Wie gross sind die Seiten und Winkel dieses Dreiecks? Wie gross ist 
der Radius des diesem Dreiecke eingeschriebeneu Kreises? 

d) Aus der analytischen Geometrie. 
Für eine durch die Gleichung 

9x 2 + 16 y 2 144 
gegebene Ellipse sei die Abscisse eines Punktes P gleich 2. Es soll die Gleichung der durch 
P gehenden Tangente, der Neigungswinkel der letzteren gegen die grosse Axe ermittelt, und 
• las zwischen den Coordinatenaxen liegende Stück der Tangente berechnet werden. 
7. Physikalische Aufgabe. 

Eine Bombe soll unter einem Elevationswinkel von 30° nach einem 2500 m. entfernten 
Ziele geworfen werden. Wie gross muss die Geschwindigkeit des Geschosses, und wie gross 
die Brennzeit des Zünders sein? Welches ist die grösste Höhe, die das Projectil erreicht? 
Bei welchem anderen Elevationswinkel würde die Wurfweite dieselbe geblieben sein, die Anfangs- 
windigkeit als gleich angenommen? Würden sich alsdann auch Wurfzeit und grösste 
Höhe verändert haben? 

Auf ein mit Schwefelkohlenstoff gefülltes Hohlprisma, dessen brechender Winkel 
y ist, soll man einen Lichtstrahl unter einem solchen Winkel « ausfallen lassen, 

dass die Gesammtablenkung 7 des Strahles ein Minimum werde. Der Brechungsexponent 
n 1,644. Wie gross muss der Einfallswinkel sein, und wie viel betragt die Ablenkung? 

Welche Ablenkungen geben über bei demselben Prisma Einfallswinkel, die um 1° grösser, 
"der um 1 ° kleiner sind, als der zu berechnende der kleinsten Ablenkung? 



Der Schlussgottesdienst für die katholischen Schüler am Palmsonntag den 18. März. 



23 



Oeffentliche Schlussprüfting 

11 dem Klassenzimmer für Physik 



Prima: 

Ober-Sekunda : 
Unter-Sekunda : 

Ober-Tertia: 
Unter-Tertia : 

Quarta, 1. Cötus 
Quarta, 2. Cötus 
Quinta: 
Sexta : 



Montag den 19. März. 

Vormittags von 8 bis 1 1 In*. 

Physik, Oberlehrer Prof. -Dr. Sieberger. 
Latein, Lehrer Marjaii. 
Chemie, Oberlehrer Dr. Li eck. 
Latein, Grimmendahl. 
Geschichte, Lehrer Greve. 
Englisch, Lehrer Schmitz II. 
Naturgeschichte, Oberlehrer Prof. Dr. Förster. 
Französich, Lehrer Dr. Spölgen. 
Geometrie, Lehrer On stein. 
Deutsch, Lehrer Greve. 

Nachmittags von 2y 2 bis oy 2 Uhr. 

: Geometrie, Dr. Pauls. 

Latein, Lehrer Kr ick. 
: Algebra, Lehrer Onstein. 

Französich, Lehrer Schmitz II. 

Geographie, Lehrer Dr. Meurer. 

Latein, Grimmendahl. 

Zoologie, Hecking. 

Latein, Lehrer Dr. Meurer. 



Gesang. 



Oeffentliche Sehlussfeier 

in der Aula. 

Dienstag den 20. März, 

von 3 Ihr Nachmittags ab» 

Stumm schläft der Sänger, von Sucher. 
Ludwig Köttgen, VI.: Rheinsage, von Geibel. 
Paul Servos, VI.: Die Heinzelmännchen, von Kopisch. 
Ferdinand Kloke, V.: Der Winter ein schlimmer Wirtb, von Dieffenbacb. 
Fritz Kleinen, V.: Das Riesenspielzeug, von Ohamisso. 
Wilhelm Schmidt, V.: L'äme enfermee, par Le Sage, 
ef Jannes, IV.,: Ostern, von Gottschall. 



24 



II. Gesamt. VÖglein' Im \V r a]dc, 



Dürrner. 



Jacob Kratz, LV.j: L'esperance et le sommeil, par Voltaire. 

Josef S t er liefe] (I, IV. ., : Das Volk in Waffen, von Gerok. 

Waldemar Schmitz, IV. 2 : La laitiere et le pot au lait, par La Fontaine. 

Johann vom Hofe, III. 1 ': J)ie Kaiserwahl, von Unland. 

Richard Marx, III. b : Mv Heart 's in the Highlands, by Bums. 

Alwin Fette, III. b : L'Arabe au tombeau de son coursier, par Millevove. 

III. I.esiiiiii. Das Kirchlein, von Becker. 

Wilhelm Wilden, III.": Der Graf von Habsburg, von Schiller. 
Wilhelm Kropp, III.*: Les oiseaux, par Beranger. 
Hugo Bein, III.*: Lord Ullin's Daughter, by Campbell. 
Fritz Sinn. II. 1 ': Das Eleusische Fest, von Schiller. 
Carl Mathee, II. b : Marine, par Emile Deschamps. 

IV. (»esiiiiir. Mondnacht, von Seidelmann. 

Max Kribben, II. 1 ': Ye Mariners of England, by Campbell. 

Brich Lindow, II.*: Louis XI et Francois de Paule, aus Casimir Delavigne's 

Trauerspiel Louis XI. 
Josef Buchkremer II. ft : Henry V. to the Ambassadors of France, aus 

Shakspeare's Henry V. 
Fritz Kelleter, I. b : Le cycle de Charlemagne (eigene Arbeit). 
Abschiedsrede des Abiturienten Alfred Tilger. 
Entlassung der Abiturienten. 
\ . («esiinji*. Vaterlandslied, von Marschner. 



Nach der Schlussfeier erhalten die Schüler von ihren Ordinarien in den einzelnen 
Klassen ihre Zeugnisse und die den Ascensus betreffenden Mittheilungen. 



Osterferien. Anmeldung neuer Schüler. 

Die Osterferien dauern vom 21. März bis incl. 8. April. 

Die Anmeldungen neuer Schüler werden von dem Keferenten in seiner Wohnung, 
Klosterplatz 11, während der Osterferien in den Morgenstunden von 10 bis 1 Uhr entgegen- 
genommen. 

Zu den Aufnahme-Prüfungen müssen sich die neu angemeldeten Schüler Freitag den 
6. April, Morgens 8 Uhr, im Schulgebäude einfinden. 

Der Unterricht des neuen Schuljahrs beginnt Montag den 9. April, Morgens 8 Uhr. 
Es geht demselben ein Schulgottesdienst für die katholischen Schüler in St. Foilan voraus, 
welcher um 7Y 2 Uhr beginnt. 



UNIVERSITY OF ILLINOIS-URBANA 

937.05G75WGR C001 

KRITIK DER QUELLEN ZUM LEBEN DES ALTERN 




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